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Full text of "Sozialdemokratische Zukunftsbilder : frei nach Bebel"

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Sorialdemokratifgie 
Zukunftsbilder. 


Frei nach Bebel. 


Don 


Eugen Richter, 


Mitglied des Reichstages. 


1 
Freis 50 Pfennig. 
—— — 


Berlin, November 1898, 


Verlag „Kortfritt“, Akliengeſellſchaft. 


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— Jnhaltsüberſicht.. 
. . Seite 
1. Die Siegesfeier. re 1 
2. Die neuen Geſet zee —UUUU 2 
3 Unzufriedene Leue — 2 83 
4. Berufswahl „„ . 4 
5. Eine Reichstagsſißzunn g. 4 
6. Arbeitsanweiſunn g een 8 
7. Nachrichten vom Landen 
8. Der letzte Familientgagg nen 10 
Der große Umzug... oo nn 12 
10. Neues Ged. ‚· J . 3 
11. Die neue Häuslichk ett ‚(H 6 96 9 en NJ 14 
12. Die neuen Staatskücheenssss EB 16 
13. Ein ärgerlicher Zwilhenfal . . 2 0 0 Cr en 15 
14. Miniſterkriſ is. ren .19 
15 Auswanderunn ggg . . . 20 
16 Kanzlerwechſeõ lll 21 
17. Aus den Werkſtätten ‚JH G([(t—ͥᷣ[ V 22 
18. Samilienforgen ꝗͤ— UU „ „ „ „ „ 23 
19. Volksbeluſtigungen ꝓ—— —— . 24 
20. Ueble Erfahrungnnemnm 26 
21. Die Flucht ‚JJ— nne ‚• 9 2 99 5 en 27 
22. Wiederum Kanzlerwechſe lll nen 29 
23. Auswärtige Verwicklungen „ 30 
24. Wahlbewegunn ggg . . 339 
25. Trauer kunde C/ · ͤ— 33 
26. Das Wahlergebnis 3⁴ 
27. Ein großes Defizit — TTT 35 
28. Samiliennahrihten . > 2222er. rn rn 36 
29. Eine ſtürmiſche Reichstagsſitzung ‚·ꝗ JJ 38 
30. Strike in Sidi... e jͤ GJ a SEE 44 
31. Drohnoten des Auslandeee ss B— 44 
32. Maſſenſtrike und Kriegsausbruch zugleicgcge—ũ 45 
33. Die Gegenrevolutirn begiunktt ern Er | 
34. Unheilvolle Nachrichten ‚ͤIW22777 7777777 99 . . . .47 
35. Letztes Kapitel ... Le. „ „ „ „ „ „„ „254 2» * „„ „ „„ „4 „44„ . 648 
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1. Die Sieges feiert. 


Die rote Fahne der internationalen Sozialdemokratie weht vom Königs- 
loß und allen öffentlichen Gebäuden Berlins. Wenn ſolches unſer verewigter 
ebel noch erlebt hätte! Hat er uns doch immer vorausgeſagt, daß die „Kataſtrophe 
ſchon vor der Thür ſteht.“ Noch erinnere ich mich, als ob es geſtern geweſen 
wäre, wie Bebel am 13. September 1891 in einer Verſammlung aba Rixdorf in 
propbetiichem Tone ausrief, daß „eines Tages der große Kladderadatſch ſchneller 

mmen werde, als man es ſich träumen laſſe.“ Friedrich Engels hatte kurz 
vorher das Jahr 1898 als dasjenige des Triumphs der Sozialdemokratie be 
zeichnet. Nun, ein wenig länger hat es doch noch gedauert. 

Aber gleichviel, unſere angjährigen Mühen und Kämpfe für die gerechte 
Sache des arbeitenden Volkes ſind nunmehr durch den Erfolg gekrönt worden. 
Die morſche Geſellſchaftsordnung des Kapitalismus und des beuterſyſtems 
6 uſammenges schen. Meine Aufzeichnungen ſollen, fo gut ich es vermag, die 

1 es neuen Reiches der Brüderlichkeit unb der allgemeinen Menſchen⸗ 
liebe für meine Kinder und Kindeskinder beſchreiben. 

Auch ich habe meinen Anteil an der Wiedergeburt der Menſchheit. Was 
ich während eines Menſchenalters an Zeit und Geld als rechtſchaffener Buch⸗ 
bindermeiſter erübrigen konnte und nicht für meine Familie bedurfte, habe ich der 
Förderung unſerer Beſtrebungen gewidmet. Der ozialdemokratiſchen Litteratur 
und unſeren Vereinen verdan ı die Feſtigkeit in unſeren Grundſätzen und die 
unsere Veen vond; Frau und Kinder ſind mit mir eines Sinnes. Das 
unſeres Bebel von der Fenn iſt längft das Evangelium meiner Paula geweſen. 

Der Geburtstag der ſozialdemokratiſchen Geſellſchaft war unſer ſilberner 
Hochzeitstag. Der heutige Siegestag hat gi neuem Familienglück den Grund 
elegt. Mein Franz bet ſich mit Agnes Müller verlobt. Die beiden kannten 
ch ſchon lange und lieben ſich herzinnig. * der gehobenen Stimmung des 
heutigen Tages wurde der neue Bund geſchlo en. Beide ſind zwar noch etwas 
jung, aber tüchtige Arbeiter in ihrem ach Er iſt Setzer, ſie Putzmacherin; da 
wird es hoffentlich nicht fehlen. Sobald die neue Ordnung in den Arbeits- und 
Wohnungsverhältniſſen eingetreten iſt, wollen ſie heiraten 

Wir alle wanderten nach Tiſch hinaus „Unter die Linden“. War das dort 
ein Menſchengewühl, ein Jubel ohne Ende. Kein Mißton ſtörte die Feier des 
großen Siegestages. Die Schutzmannſchaft iſt aufgelöit. Das Volk hält ſelbſt 
ie Ordnung in muſterhafter Weiſe aufrecht. 

Im Luſtgarten, auf dem Schloßplatz, an der früheren Schloßfreiheit ſtand 
uud glos die Menſchenmenge feſt wie eine Mauer. Die neue Regierung war 
im Schloß verſammelt. Die Genoſſen von der bisherigen Parteileitung der 
Sozialdemokraten haben proviſoriſch die Zügel der Regierung ergriffen. Unſere 
ſozialdemokratiſchen Stadtverordneten bilden bis auf weiteres das Magiſtrats⸗ 
ko Legium der Stadt. Sobald ſich einer der neuen Regenten am Fenſter oder 
auf dem Balkon des Schloſſes zeigte, brach der Jubel des Volkes immer aufs 
neue los: Hüteſchwenken, Wehen mit den Tüchern, Geſang der Arbeitermarſeillaiſe 


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Abends prachtvolle Illumination. Die Statuen der alten Könige und 
De nerven nahmen ſich, mit rothen Fahnen geſchmückt, in der rothen bengaliſchen 
eleuchtung ſeltſam genug aus. Sie werden nicht mehr lange auf ihrem Plat 
bleiben, ſondern den Statuen der verſtorbenen Geiſtesheroen der Sozialdemokratie 
weichen müſſen. Es ſoll ſchon beſchloſſen ſein, vor der Univerſität an Stelle der 
Statuen der beiden Gebrüder v. Humboldt die Statuen von Marx und Ferdinand 
La ſſalle aufzuricher. Das Denkmal Friedrichs des Großen Unter den Linden 
wird durch die Statue unſeres verewigten Liebknecht erſetzt werden. 

u trautem Familienkreiſe feierten wir noch zu ſe bis in die ſpäte 
Nacht den für uns doppelt feſtlichen Tag. Auch der Vater meiner Frau, unſer 
Hausgenoſſe, welcher bisher von der Sozialdemokratie nicht viel wiſſen wollte, 
war ſehr anteilvoll und aufgeräumt. 

Bald hoffen wir, unſere beſcheidene Wohnung, drei Treppen 808, verlaffen 
u können. Von mancher ſtillen Freude, aber 1 0 von mancher Sorge, vielem 
mer und harter Arbeit ſind die alten Räume im Laufe der Jahre Zeuge geweſen. 


2. Die neuen Geſetze. 

Sehr ergötzlich find die Erzählungen, wie die Bourgeois zu tauſenden Über 
die Grenze drängen, um auszuwandern. Wo können ſie hin? Ueberall in 
Di O ausgenommen die Schweiz und England, herrſcht jetzt die Sozialdemokratie. 
Die Schiffe nach Amerika vermögen nicht alle Auswanderer aufzunehmen. In 
Amerika freilich iſt die Revolution niedergeſchlagen worden und auf lange Zeit 

inaus keine Ausſicht auf Wiedererhebung der Sozialdemokratie. Mögen die 
usbeuter immerhin von dannen ziehen! Von ihrem Eigenthum haben ſie 
ben cum nicht viel mitnehmen können, Dank der Plötzlichkeit, mit welcher 
er Umſchwung erfolgt if. Alle Staatspapiere, Pfandbriefe, Aktien, Schuld⸗ 
obligationen und Banknoten ſind Ech null und nichtig erklärt worden. Die Herren 
Bourgeois können ſich damit chin iffskabinen tapezieren laſſen. Auf alle Immo⸗ 
bilien, Verkehrsmittel, Maſchinen, Werkzeuge und Geräte wurde den ſozi⸗ 
aliſtiſchen Staat Beichlag gelegt. Ä 

Unſer bisheriges leitendes Parteiorgan, der „Vorwärts“, ift an die Stelle 
des „Reichsanzeigers“ getreten. Das Blatt wird in jeder a nd. unentgeltlich 
ugeſtellt. Da alle Druckereien Staatseigenthum geworden ind, ſo haben die 

brigen Zeitungen zu erſcheinen aufgehört. Außerhalb Berlins erſcheint der 
orwärts“ durch eine Lokalbeilage für den betreffenden Ort vervollſtändigt. 
is zum Qulammentrit eines neu zu wählenden Reichstags haben die bisherigen 
ſozialdemokratiſchen Rei etageabgrortneten als geſetzgebender Ausſchuß die 
Geſetze zu beſchließen, welche zur Durchführung der neuen Ordnung in großer 
Anzahl notwendig ſind. . 

Das bisherige Parteiprogramm, wie es 1891 von dem Erfurter Parteitage 
beſchloſſen wurde, iſt als pro ie Grundrecht des Volkes proklamirt worden. 
Damit iſt die Umwandlung aller Arbeitsmittel, von Grund und Boden, der 
Bergwerke, Gruben, Maſchinen und Werkzeuge, Verkehrsmittel in Eigentum des 
Stautes oder, wie man es 11 nennt, der Geſellſchaft geſetzlich proklamirt. 
Ein weiteres Geſetz dekretirte allgemeine Arbeitspflicht mit gleichem Recht für alle 

erſonen, männlich oder weiblich, vom vollendeten 21. bis 65. Lebensjahre. 
üngere Perſonen werden auf Staatskoſten erzogen, ältere auf Staatskoſten 
derpflegt. Die Privatproduktion hat aufgehört. Jas ſoll bis der Regulirung 
der neuen ſozialiſtiſchen Produktion Jeder an der bisherigen Stelle auf Staats⸗ 
rechnung fortarbeiten. Ueber dasjenige, was dem Einzelnen nach obiger leben ift 
nahme fur den Staat noch als Privateigentum bis auf Weiteres verblieben iſt, 
Hausgerät, gebrauchte Kleider, Münzen, Reichskaſſenſcheine iſt von Jedermann 
ein Inventar einzureichen. Goldmünzen find abzuliefern. Neue Goldeertifikate 
ſollen demnächſt ausgegeben werden. 


ww 8 — 


Die neue Regierung verfährt Dank dem ſchneidigen Reichskanzler an ihrer 
Spitze ebenſo energie), wie zielbewußt. Alles ſoll von vornherein unmöglich 
emacht werden, wodurch die Kapitalsherrſchaft ſich wieder Eingang verſcha 
önnte. Das Militär iſt entlaſſen, Steuern werden nicht mehr erhoben, da 
Regierung dasjenige, was ſie für allgemeine Zwecke bedarf, aus dem Ertrag der 
ſozialiſtiſchen Produktion vorwegnimmt. Aerzte und Rechtsanwälte werden vom 
Staat unterhalten und haben ihre Dienſte dem Publikum unentgeltlich zu widmen. 
Die drei Tage der Revolution und der Siegesfeier find für geſetzliche Feiertage 
erklärt worden. — Wir gehen einer neuen herrlichen Zeit entgegen. 


3. Anzufriedene Leute. 


Agnes, unſere Schwiegertochter, tft untröſtlich, und auch Franz überaus 
niedergeſchlagen. Agnes fürchtet, um ihre Ausſteuer zu kommen. eit langer 
eit hat Agnes durch Arbeit für Putzgeſchäfte für ihre Ausſteuer 15 Pi ge 
ucht. Insbeſondere feit ihrer Bekanntſchaft mit Brent iſt ſie in ſtiller Hoffnungs⸗ 
eudigkeit von morgens bis abends unausgeſetzt thätig geweſen. Kaum zur 
ſſenszeit gönnte ſie ſich Ruhe. Was ihre Freundinnen für eigenen Putz, für 
Ausflüge und Vergnügungen berauägabten, arte fie zur Vermehrung ihres 
Kapitälchens. So hatte fie denn bei ihrer Verlobung ſchon Sparkaſſenbücher 
über 2000 Mk. im Beſitz. Mein Franz erzählte alles dies am Abend des 
Verlobungstages mit Stolz und n Guthaben Die jungen Leute begannen 
ſchon zu überlegen, was fie aus dem Guthaben zuerſt anſchaffen wollten. 


Nun ſoll alle Mühe und aller Fleiß vergeblich geweſen ſein. Als Agnes, 
durch allerlei Gerüchte beunruhigt, ihre Einlage auf dem Sparkaſſenbureau in 
der Klofterftraße kündigen wollte, fang ſie auf der Straße erregte Gruppen. 
Alte Männer, Frauen, frühere Dienſtmädchen jammerten, daß ſie um ihre Not⸗ 
groſchen gekommen ſeien. Der Beamte habe erklärt, daß durch das neue Geſetz 
mit anderen Werthpapieren und Schuldobligationen auch die Sparkaſſenbu 
für null und nichtig erklärt worden ſeien. | 

Ates Ni wie ſie erzählte, vor Schreck faſt in Ohnmacht. Im Bureau 

ihr der Beamte alsdann das Unglaubliche beſtätigt. Auf dem Wege zu uns 
örte ſie, daß Deputationen von Sparkaſſengläubigern vor das Schloß zum 
eichskanzler gezogen ſeien. Auch ich machte mich ſogleich dahin auf, Franz 


ging mit. 

Eine große Menſchenmenge war auf dem Schloßplatz verſammelt. Auch 

über die Laſſallebrücke, Jeiher Kaiſer Wilhelmbrücke, ſtrömten belle der ort⸗ 

während nach dem Luſtgarten zu. Die Sparkaſſenfrage erregte alle Gemüter. 
Die Thore zu den Schlochöfen waren überall feſt verſchloſſen. Von den vorderen 
Trupps wurden vergebliche Verſuche gemacht, gewaltſam einzudringen. Durch 
Schießſcharten in einigen Thorflügeln, welche ich früher nie bemerkt, ſtarrten 
plötzlich Flintenläufe der Schloßbeamten entgegen. 

Wer weiß, was noch alles ſich ereignet hätte, wenn nicht der Reichskanzler 
in dieſem Augenblick auf dem Balkon des Mittelportals am Luſtgarten erſchienen 
wäre und Ruhe geboten hätte. Mit weithin ſchallender Stimme verkündigte er, 
die Sparkaſſenfrage ſolle ſofort dem geſetzgebenden Ausſchuß zur Entſcheidung 
unterbreitet werden. Alle guten Patrioten und braven Sozialdemokraten ſollten 
der Gerechtigkeit und Weisheit der Volksvertreter vertrauen. Ein ſtürmiſches 
Hoch dankte unſerm Reichskanzler. 

In dieſem Augenblick rückte von verſchiedenen Seiten in raſendem Galopy 
die Feuerwehr an. In Ermangelung von Polizei hatte man aus dem Schloß, 
als die Menge gegen die Thore drängte, Großfeuer telegraphirt. Gelächter 
empfing die brave Feuerwehr. So zerteilte fi denn die Menge in heiterer hoßß⸗ 
aungsfreudiger Stimmung. Möge man im Reichstage das Richtige tzefien. 


— 4 


4. Berufswahl. 


Große rote Plakate an den Anſchlagſäulen, wie ehedem bei Aushebungen 
und Kontrollverſammlungen des Militärs. Dichte Gruppen ſtehen davor. Nach 
Maßgabe des neuen Geſetzes fordert der Magiſtrat im Auftrage der Staats⸗ 
regierung alle Perſonen, männlich oder weiblich, im Alter von 21—65 Jahren 
zur Berufswahl auf binnen 3 Tagen. Auf allen ehemaligen Polizeiburchus und 
und Standesämtern werden Erklärungen entgegengenommen. Frauen und Mäd- 
chen wird ausdrücklich in Erinnerung gebracht, daß fie vom Tage des Arbeits⸗ 
antritts in den Staatswerkſtätten, welcher noch näher bekannt gemacht werden 
würde, in der eigenen Häuslichkeit befreit ſind vom Kinderwarten, von Bereitung 
der Mahlzeiten ankenpflege und Wäſche. Alle Kinder werden in Kinderpflege⸗ 
anſtalten und Erziehungshäu ern des Staates en dle kr Die Daphne 
iſt in den Staatsküchen des Bezirks einzunehmen. Alle Erkrankten find an die 
Iffentlichen Krankenanſtalten abzuliefern, die Leib⸗ und Bettwäſche wird zur 

einigung in großen Centralanſtalten abgeholt. Die Arbeitszeit iſt in allen 
Berufsarten für alle Männer und Frauen in den Staatswerkſtätten und bei 
onſtigen öffentlichen Dienſtleiſtungen die gleiche und beträgt bis zur anderweitigen 
eitjeung 8 Stunden täglich. . 
eber die Befähigung zu der gewählten Arbeit find Beſcheinigungen beizu- 
bringen, die bisherige erufsarbeit iſt auf den Meldungen anzugeben. eldungen 
u dem Beruf als Geiſtlicher werden nicht angenommen, da laut Beſchluß des 
rter Parteitages vom Jahre 1891, welcher in das tan gema über · 
gegangen iſt, alle Aufwendungen zu religiöſen und kirchlichen Zwecken aus Staats- 
mitteln verboten find. Denjenigen Perſonen, welche ſich trotzdem dem geiſtlichen 
Beruf widmen wollen, bleibt es freigeſtellt, dies in ihren Mußeſtunden zu thun 
nach Erfüllung der normalen Arbeitszeit in einem ſtaatsſeitig anerkannten Berufe. 

Das Leben auf den Straßen glich nach Bekanntwerden dieſer Aufforderung 
demjenigen an den Muſterungstagen in einer Kreisſtadt. Die Perſonen gleicher 
vwüflten thaten ſich truppweiſe Aulammen und durchzogen, mit decke des 
ewählten Berufs geſchmückt, ſingend und jubelnd die Stadt. Frauen und Mäd⸗ 

en ſtehen umher und malen ſich die Annehmlichkeiten des gewählten Berufs 
nach Befreiung von der Hausarbeit in lebhaften Farben aus. Man hört, daß 
lag bie Perſonen einen neuen Beruf gewählt haben. Manche ſcheinen zu glauben, 
den pie Wahl des Berufes ſchon gleichbedeutend ſei mit der Einſtellung tr. 
elben. 

Ich, mein Sohn Franz, meine Schwiegertochter Agnes, wir alle werder 
dem bisherigen Beruf, den wir lieb gewonnen, treu bleiben und haben dies auck 

ärt. Meine Frau hat ſich als Kinderpflegerin gemelbet. Sie will als ſolche 
ihrer vierjährigen Jüngſten, Annie, welche wir an die Kinderpflegeanſtalt werden 
abliefern müſſen, auch fernerhin ihre mütterliche Sorgfalt angedeihen laſſen. — 
N Nach dem Straßenkrawall vor dem Schloß hat das Ministerium beſchloſſen, 
eine Schutzmannſchaft in einer Stärke von 4000 Köpfen wieder einzurichten un 
dieſelbe teilweiſe im Zeug hauſe und der anſchließenden Kaſerne zu ſtationiren. 
Um frühere unliebſame Erinnerungen zu vermeiden, werden die neuen Schutz⸗ 
männer keine blauen, ſondern braune Uniformen und ſtatt des Helms einen 
Schlapphut mit einer roten Feder tragen. 


5. Eine Neichstagsſttzung. | 
Mit großer Mühe erlangten Franz und ich heute Einlaß zur Tribüne im 
Reichtagsgebäude am Bebelplatz, fene önigsplatz. Es ſollte die Entſcheidung 
über die Spartajjengelbe: getroffen werden. In Berlin giebt es, wie Franz 
wiſſen will, jetzt bei 2 Millionen Einwohnern nicht weniger als 500 000 Spar- 


kaſſengläubiger. Kein Wunder, daß die ganze Umgebung des Reichstags, der 
Bebelplatz, die Sommerſtraße, von einer großen Menge von Perſonen, zumeiſt in 
ärmlicher Kleidung, bedeckt war, welche dem Ergebnis der Reichstagsverhandlungen 
mit cast unt entgegeniab. 8505 war ſchon bei unſerer ft die Schuß 
mannſchaft mit der Räumung der Straßen beichäftigt. 

Ä Da allgemeine Wahlen für den Reichstag noch nicht ftattfinden können 
und die Mandate aller Mitglieder der Bourgeoisparteien für erloſchen erklärt 
worden ſind, ſo 1 5 wir nur unſere alten Genoſſen und erprobten Vorkämpfer 
unten im Sitzungsſaale verſammelt. N 

Der Chef des ſtatiſtiſchen Neichsamts leitete im Auftrage des Reichskanzlers 
die Verhandlungen ein durch einen ſtattſtiſchen Vortrag über die thatſächliche weg gin der 
vorliegenden Frage. Allein bei den öffentlichen Sparkaſſen Deutſchlands waren 8 Millionen 
Guthaben vorhanden über Einlagen im Betrage von mehr als 5 Milliarden Mark. (Hört! 
gt! links.) Der jährliche Zinsbetrag überſtieg 150 Millionen Mark Die Einlagen in den 

parkaſſen waren angelegt mit ungefähr 2800 Millionen Mk. in Hypotheken, mit 1700 
Millionen Mk. in Inhaberpapieren, mit 400 Millionen Mk. bei öffentlichen Inſtituten und 
Corporationen und mit 100 Millionen Mk. gegen Fauſtpfand. Die Inhaberpaptere find 
überall durch Geſetz annullirt worden. (Sehr gut! links.) Die Hypothekenſchulden find mit 
dem Uebergang alles Grundbeſitzes auf den Staat erloſchen. Ebenſo find die auf Fauſtpfand 
ausgeliehenen Gelder mit der unentgeltlichen Rückgabe der Pfänder in den öffentlichen Leih⸗ 
anſtalten auch zum Nutzen des Volkes verwendet worden. (Beifall links.) Mittel Aus⸗ 
gehlung der Sparkaſſeneinlagen find ſomit in keiner Weile vorhanden. Eine Vergütung an 
ie Einleger kann erfolgen in Form der Ausgabe von Bons, welche zu einer Entnahme aus 
den Waarenvorräten des Staates berechtigen. 

Nach dieſem Vortrag ergriff ein Redner von der rechten Seite das Wort. 
Millionen braver Arbeiter und guter Sozialdemokraten (Unruhe links) werden ſich bitter 
enttäuſcht fühlen, wenn ſie jetzt, wo dem Arbeiter der „volle Ertrag ſeiner Arbeit“ zu Teil 
werden ſoll, ſich um die Früchte harter Arbeit durch Vorenthaltung ihrer Sparkaſſengelder 
ebracht ſehen. Was hat die Erſparniſſe ermöglicht? Angeſtrengter Fleiß, Sparſamkeit, 
Enthaltung von manchem Genuß, z. B. in Tabak und Spirituoſen, den ſich andere Arbeiter 
erlaubten. (Unruhe links.) Mancher hat geglaubt, ſich durch die Hinterlegung in der 
Sparkaſſe einen Notgroſchen für außerordentliche Unglücksfälle, eine Erleichterung für ſein 
Alter verſchaffen zu können. Die Gleichſtellung mit denjenigen, welche nichts vor ſich ge⸗ 
bracht, wird als Unrecht von Millionen empfunden (Beiſall rechts und ſtürmiſche Zurufe von 
den Tribünen). 

Der Präſident droht die Tribünen räumen zu laſſen. (Zurufe: Wir find das Volk!) 

Präſident: Dem Volk tft ein durch allgemeine Abſtimmung geordnete Verwerfungs⸗ 
recht zu Geſetzen gegeben, aber kein Recht zur Teilnahme an der Diskuſſion im Reichstag. 
(Lebhafter allgemeiner Beifall). Die Ruheſtörer werden hinausgeführt. 

Ein Redner von der linken Seite des Reichstags erhält das Wort. Ein richtiger 
Sozialdemokrat iſt niemals auf Spargroſchen bedacht geweſen. (Widerſpruch rechts.) Wer 
den Sparapofteln der Bourgeois gefolgt iſt, hat auf keine Rückſichtnahme im ſozialen Staat 
zu rechnen. Auch manches Sparkaſſengeld iſt durch Beraubung des arbeitenden Volkes 
entſtanden. ( derſpruch rechts.) Man ſoll nicht jagen, die Sozialdemokratie hängt zwar 
die großen Diebe. läßt aber Millionen kleiner Diebe laufen. Die Sparkaſſenkapitallen find 
in ihren verſchtedenen Anlagen mit ſchuldig geweſen an der Aufrechterhaltung des Aus 
beutungsſyſtems gegen das Volk (Lebhafter Beifall links). Nur ein Bourgeois kann gegen 
die Einziehung der Sparkaſſengelder Widerſpruch erheben. 

Der äſident ruft den Redner zur Ordnung wegen der ſchweren Beleidigung, 
dags in ſich re als Bourgrois gegen ein Diitglieb des ſozialdemokratiſchen Reichs⸗ 
tag eßt. 

Unter großer Spannung erhebt ſich dann der Neichskanzler von ſeinem Sitz: Ich 
muß beiden verehrten Vorrednern bis zu einem gewiſſen Grade Recht geben. Es iſt manches 
richtig von dem, was geſagt worden iſt über die moraliſche Entſtehung der Sparkaſſengelder 
und auch über die unmoraliſche Wirkung derdelben inter der Geltung der Kapitalsherrſchaft. 
Aber laſſen wir durch rückwärts geriätete Betrachtungen nicht unſern Blick abziehen von der 
großen Zeit, in der wir leben. (Sehr gut!) Wir müſſen die Frage ohne Sentimentalität als 
nelbewußte Sozialdemokraten entſcheiden. — Fünf Milliarden wieder en abe Ulele an 
einen Bcuchtheil der Bevölkerung von 8 Millionen Perſonen, heißt die neue ſo ziale Gleichheit 


a 6 — — 


aufbauen auf einer Ungleichheit (Beifall). Dieſe Ungleichheit würde ſich alsbald in allen Kom 
ſumtionsverhältniſſen fühlbar machen und die künftige pionmäßige Organiſation der Produktion 
und Konſumtion durchdrechen. Mu demſelben Recht wie heute die Sparkaſſengläubiger, könnten 
dann morgen auch diejenigen ihr Kapital zurück verlangen, welche zufällig ihre Erſparniſſe 
nicht in der Sparkaſſe, ſondern in Werkzeugen, Vorräten ihres Berufs, in Arbeitsmitteln oder 
Srundbeſitz angelegt haben. (Sehr richtig!) Wo bleibt denn zuletzt eine feſte Grenze für die 
Reaktion gegen die beſtehende ſozialdemokratiſche Ordnung? Was immerhin die Sparer ſich 
von den Früchten des Fleißes und der Enthaltſamkeit verſprochen haben mögen, zehnfach und 
hundertſach wird ſolches jetzt allen zu Teil werden durch die Abe wen Einrichtungen, welche 
wir zum Wohl der Arbeiter im Begriff ſtehen zu ſchaffen. Aber wenn Sie dieſe Milliarden 
uns jetzt entziehen und um dieſen Betrag das Kapital ſchwächen, welches jetzt zum Wohl der 
Allgemeinheit arbeiten ſoll, ſo ſind meine Kollegen im Miniſterium und ich nicht länger in 
ber Lage. die Verantwortung für die Durchführung einer zielbewußten Sozialdemokratie zu 
übernehmen. (Stürmiſcher Beifall). 
Es war noch eine große Anzahl Redner zum Worte gemeldet. Der Präſident 
aber machte darauf aufmerkſam, daß in Anbetracht der voraufgegangenen a 
gungen und der Zeit, welche jedem Abgeordneten für die Lektüre der Drucjachen 
zugebilligt iſt, der ach ſtundige Maximalarbeitstag abgelaufen ſei und 
eine Fortſetzung der Sitzung deshalb erſt am andern Tag ſtattfinden könne. 
(Rufe: Zur Abſtimmung! Zur Abſtimmung!) Ein Ainteog auf Schluß der 
Diskuſſion wird eingebracht und angenommen. Bei der Abſtimmung geht der 
Reichstag über die Petitionen auf Herausgabe der Sparkaſſengelder gegen wenige 
Stimmen zur einfachen Tagesordnung über. Die Siam iſt geſchloſſen. 
Unwillige Rufe wurden belſich auf den Tribünen laut und pflanzten ſich 
auf die Straße fort. Doch hatte die Schutzmannſchaft die ganze Umgebung des 
Reichstagsgebäudes geräumt. Eine Anzahl tumultuirender 95 onen wurden ver. 
ftet, namentlich viele Frauen. In größerer Entfernung vom Reichstagsgebäude 
ollen einzelne Abgeordnete, welche gegen die Herausgabe der Sparka 
geſtimmt hatten, gröblich inſultirt worden ſein. Die Schutzmannſchaft hat, wie 
erzählt wird, vielfach von ihren neuen Waffen |ogenannten Totſchlägern, welche 
nach engtülhem Muſter eingeführt worden find, gegen das Publikum unbarm⸗ 
S. ig Gebrauch gemacht. Zu Hauſe bei uns gab es ſehr erregte Scenen, meine 
wiegertochter ließ ſich gar nicht breiche dl vergebens ſuchte meine Frau ſie 
u tröſten unter dem Hinweis auf die reiche Ausſtattung, welche alle Brautpaare 
nächſt von der Regierung zu erwarten hätten. „Ich will nichts geſchenkt 
ben“, rief ſie ein über das andere Mal heftig aus, „ich will den Ertrag meiner 
rbeit. Eine ſolche Zucht iſt ja ſchlimmer als Raub und Diebſtahl.“ 
33 fegen das heutige Erlebnis iſt nicht geeignet, meine Schwiegertochter 
in der Feſtigkeit ihrer ſozialdemokratiſchen Grundſätze zu beſtärken. Auch mein 
Schwiegervater hat ein Sparkaſſenbuch. Wir wagen es nicht, dem alten Manne 
u ſagen, daß dasſelbe wertlos geworden it iſt kein Gabal Aber noch 
ieſer Tage erzählte er, daß er Ju und Zinſeszins auflaufen laſſe. Wir ſollten 
bei ſeinem Tode ſeine Dankbarkeit erfahren für die Tha welche wir ihm bei 
uns haben angedeihen laſſen. Man muß in der That ſo feſt wie ich in den 
ſozialdemokratiſchen Anſchauungen geworden fein, um ſolche Verluſte heiteren Mutes 
verſchmerzen zu können. = 


6. Arbeitsanweilung. 


Die Heirat zwiſchen Franz und Agnes iſt plötzlich in weite e gerückt. 

eute verteilte die Schutzmannſchaft die Geſtellungsordres zur Arbeit auf Grund 

Aattgehabten Berufswahl und des von der Regierung für die Produktion und 
Konſumtion im Lande aufgeſtellten Organiſationsplans. 

Franz iſt allerdings als Setzer beordert, aber nicht in Berlin, ſondern in 

Leipzig, Berlin bedarf jetzt nicht mehr den zwanzigſten an Zeitungsſetzern 

wie früher. Beim „Vorwärts“ werden nur ganz zuverläſſige Sozialdemokraten 


7 


eſtellt. Franz aber iſt wegen Aeußerungen auf dem Schloßplatz über die 
kelbige Sparkaſſenangelegenheit irgendwo in Mißkredit gebracht worben. Die 
Politik, ſo argwöhnte Franz, hat wohl auch ſonſt bei der Arbeitszuteilung mit⸗ 
geſpielt. Die Partei der „Jungen“ in Berlin iſt vollſtändig auseinandergeſprengt 
worden. Ein Genoſſe mu Tapezierer ert nowrazlaw, weil dort an 
Zapegievern Mangel ſein ſoll und hier ein Ueberfluß beſteht. Franz meinte un» 
willig, das alte Sozialiſtengeſetz mit ſeinen uöweilungen jei dergeſtalt in neuer 
Form wieder lebendig geworden. Man muß eben dem Bräutigam, der plötzlich 
auf te 870 von der Braut getrennt wird, manches zu Gute halten. 

Ich ſuchte Franz damit zu tröſten, daß im Nachbarhauſe ſogar ein Ehepaar 

etrennt worden ſei. Die Frau kommt als Krankenpflegerin nach Oppeln, der 
ann als Buchhalter nach Magdeburg. Wie darf man denn Eheleute trennen 
das Hi ja die reine Niedertracht, jo rief Paula. Meine gute Alte vergaß, da 

die Ehe in unſerer neuen Ge ellſchaft ein reines Privatverhältnis iſt, wie doch 
ſchon Bebel in ſeinem Buch von der Frau dargethan hat. Die Ehe kann jeder⸗ 
zeit ohne Dazwiſchentreten irgend eines Beamten geſchloſſen und wiederum gelöſt 
werden. Die Regierung iſt alſo gar nicht in der Lage, zu wiſſen, wer alles noch 
verheiratet iſt. x dem Namensregiſter wird daher ganz folgerichtig Jedermann 
nur mit ſeinem Geburtsnamen und zwar mit dem Familiennamen ſeiner Mutter 
Dugana Das Zuſammenwohnen der Eheleute kann ſich bei einer planmäßigen 
Organiſation der Produktion und Konſumtion nur nach den Arbeitsplätzen richten, 
nicht umgekehrt, denn die Organisation der Arbeit kann doch nicht auf jederzeit 
kündbare Privatverhältniſſe Rückſicht nehmen. 

Indeß auch im früheren Beamtenſtaate, ſo meinte meine Frau, hat man 
doch oft aus perſönlichen Gründen unliebſame Verſetzungen höheren Orts wieder 
rückgängig gemacht. — Das iſt richtig. Und ſo begab ich mich denn nach dem 
Rathaus. Ich erinnerte mich, daß ein alter Freund und Genoſſe, mit dem ich zu⸗ 
jemmen unter dem Sozialiſtengeſetz in Plötzenſee bekannt wurde, in der Gewerbes 

eputation des Magiſtrats jetzt eine einflußreiche Stellung inne hatte. Ich fand 
aber das Bureau im Rathauſe von Hunderten von Perſonen belagert, die mit 
ähnlichen Benoſſen, gefommen fein u Gem Auf dem Gange traf ic indeß einen 
anderen Genoſſen, der in derſelben Gewerbe⸗Deputation arbeitet und dem ich 


alles erzählte, was ich auf dem Herzen hatte. Er riet mir, ſpäter einmal, wenn 


über Franzens Beteiligung am Sparkaſſenkrawall Gras gewachſen, wegen ſeiner 
Rückverſetzung nach Berlin vorſtellig zu werden. | ö 


Ich klagte ihm dabei, daß ich ſelbſt zwar als Buchbinder angenommen, 
aber nicht in meiner früheren Stellung als d. 

ginge nicht anders, meinte er. In Folge der Erweiterung des Großbetriebes in 
en Gewerben ſei der Bedarf an Meiſtern ein ſehr viel geringerer als früher. Er 
erzählte mir aber, daß in Folge eines Reck ⸗btehlers eine Nachtragsforderung von 
500 Kontroleuren kommen werde; er rie um eine ſolche Stelle einzukommen 
Dem Rat werde ich folgen. 

Meine Frau iſt als den ell egen angenommen, aber nicht dort, wo 
unſer Jüngſtes verpflegt werden ſoll. an ſagt, daß grundſätzlich zur Vermei⸗ 
dung von Bevorzugungen der eigenen Kinder und zur Fernhaltung der Eiferſucht 
der anderen Mütter Frauen als Krankenpflegerinnen nur dort eingeſtellt werden, 
wo ſich die eigenen Kinder nicht befinden. Das iſt gewiß gerecht, aber Paula 
wird es ſehr hart finden. Frauen ſind nun einmal ſehr geneigt, die Staatsraiſan 
ihren Privatwünſchen unterzuordnen. | 

Meine Schwiegertochter ift als nicht Putzmacherin, ſondern als Weißnäherin be» 
ordert. An Putzwaren hat die Geſellſchaft viel weniger Bedarf. Der neue 
Produktionsplan, fert ich, rechne nur mit dem allab, was fi In Folge deſſen 
ift beſondere Handfertigkeit, Geſchmack, überhaupt alles, was ſich mehr dem Kunſt⸗ 
gewerbe nähert, nur in ganz beſchränktem Umfange erforderlich. Agnes meinte, 


eiſter, ſondern als Gehſhe — Das 


es ſei ihr gleichgiltig, was aus ihr werde, wenn ſie doch nicht mit Franz vereinigt 
werde. — Rinder entgegnete ich, bedenkt, daß ſelbſt eine Gottbeit es nicht allen 

t machen könnte. — Dann ſollte man, fiel auch Franz ein, doch jeden für ſich 
ſelber ſorgen laſſen. So ſchlimm hätte es uns unter der früheren Geſellſchaft 
nicht ergehen können. 

Ich las ihnen zur Beruhigung den „Vorwärts vor, in welchem die Regierung 
zur Klarſtellung eine Ueberſicht über die Berufsanmeldungen und die Arbeitsan⸗ 
weiſungen gegeben hat. Als Jäger haben ſich in Berlin mehr n onen gemeldet, 
als es auf 10 Meilen im Umkreiſe von Berlin Hafen giebt. Na Mafhabe der 
Meldungen könnte die Regierung auch neben Ber Thür einen Portier, neben jeden 
Baum einen Förſter, für jedes Pferd einen Bereiter ſtellen. Kindermädchen ſind 
weit mehr gemeldet als Küchenmädchen, Kutſcher weit mehr als Stallknechte. 
Von Kellnerinnen und Sängerinnen liegen Anmeldungen in Hülle und Fülle vor, 
beite weniger von Aufſehen Nane Verkäufer und Verkäuferinnen ſind zahl⸗ 
reich gemeldet. An h ſonder ontroleuren, Sa) ektoren, kurzum an Verwaltungs» 
beamten iſt Ueberfluß ſondergleichen, auch an Akrobaten fehlt es nicht. Aber für 
die hoi bleme Arbeit der Pflaſterer, der eigen, überhaupt alle Feuerarbeiter 
ſind die Meldungen ſpärlich. Noch weniger Liebhaber haben ſich für die Kanal⸗ 

reinige efunden. N 

as Ile aber die Regierung thun, um igren Organiſationsplan für Pro» 

duktion und Konſumtion mit den Meldungen in Uebereinſtimmung zu bringen? 
Sollte fie etwa auf einen Ausgleich hinwirken durch die Gewährung eines geringeren 
Lohnes für Berufsarten, zu denen Andrang beſteht, und eines höheren Lohnes 
fr die nicht gejuchten Arbeiten? Das würde doch den Grundlehren det Sozial⸗ 
emokratie widerſprechen. Jede Arbeit, die der Geſellſchaft nützlich iſt, iſt, wie 
Bebel immer geſagt hat, der Geſellſchaft auch Leid) wert. Größere Anteile am 
Ertrage der Arbeit würden einen ſehr ungleichen Lebensgenuß begünſtigen oder 
bei den höher Gelohnten Erſparniſſe ermöglichen, weiche auf Ummegen wieder 
eine Kapitaliſtenklaſſe züchten, und damit das ganze ſozialiſtiſche rode 
zerſtören würden. Oder ſollte man etwa durch verſchiedene Bemeſſung der Arbeits⸗ 
ber einen Ausgleich herbeiführen? Dann würde der naturgemäße Zuſammenhan 
er verſchiedenen Hantirungen untereinander bei der Arbeit zerſtörtt. Das Spi 
von Angebot und Nadfvage, welches unter der früheren Kapitalsherrſchaft jein 
Weſen getrieben, fol und darf in der neuen Ordnung nicht aufkommen. 

ie Regierung behält ſich vor, die unangenehme Arbeit den Sträflingen 
uzuteilen, und beabſichtigt, wie dies ſchon Bebel empfohlen hat, einen häufigen 
echſel in den Beſchäftigungen eintreten zu laſſen. Vielleicht könnte derſelbe 
Arbeiter künftig an demſelben Tage zu verſchiedenen Stunden verſchieden be⸗ 
ſchäftigt werden. 

Für jetzt konnte der Ausgleich nur durch das Los herbeigeführt werden, 
Unter Zuſammenlegung verwandter Berufsarten ift daher aus der Geſamtzahl 
der Bewerber eine dem Bedarf des entzelnen Berufßgmeiges nach dem Organiſations⸗ 
plan der Regierung entſprechende Anzahl ausgeloſt worden. Aus denjenigen, 
welche hierbei Nieten zogen, hat man wiederum durch das Los diejenigen beſtimmt, 
welche ſich Arbeiten zu widmen haben, für die eine nicht genügende Zahl von 
Bewerbungen eingegangen war. Dabei ſoll mancher ein ihm wenig zuſagendes 
Los gezogen haben. | 

ranz äußerte, Pferde⸗ und Hundelotterien habe es ja immer gegeben, aber 
hier würden zum erſten Male auch Menſchen verloſt. Schon am Anfang ſei man 
derart am Ende der Weisheit, daß man zum Loſe greifen müſſe. 

Du ſiehſt ja, entgegnete ich, daß künftig alles neu geordnet werden ſoll. 
get leiden wir noch unter den Nachwirkungen des Ausbeutungsſyſtems und der 

apitalsherrſchaft. Iſt dagegen erſt das ſozialdemokratiſche Bewußtſein voll und 
ganz überall zum Durchbruch gelangt, ſo werden ſich zerade für die ſchweren. 


lichen und unangenehmen Arbeiten Freiwillige in großer Zahl melden, weil 

von dem Bewußtſein getragen ſein werden, daß ſie durch ſolche Arbeit nicht 
mehr, wie früher, ſchnöder Erwerbsſucht von Ausbeutern dienen, ſondern ſich um 
das Wohl es Ganzen ſcienen das machen. 
Die Kinder aber ſchienen davon nicht recht überzeugt. 


7. Nachrichten vom Cande. 


Alle 20 „Jöhrigen jungen Leute haben ſich binnen drei Tagen beim Militär 
u ſtellen gnes Bruder ift auch darunter. Die „Volkswehr ſſer aufs 
Flenmſte organifirt und bewaffnet werden. Das Friegöminijterium deſſen weite 
aulichk un in der Leipzigerſtraße und Wilhelmſtraße wegen des ſchönen Gartens 
einer großen Kindererziehungsanſtalt umgewandelt werden ſollten — meine 
Fran ſollte in dieſer Anstalt thätig fein — muß ſeiner früheren Beſtimmung 
erhalten bleiben. | 
Die inneren Verhältniſſe machen die Aufſtellung der Volkswehr früher und 
umfangreicher, als beabſichtigt war, nothwendig. ie neuen Landräte in den 
Provinzen verlangen dringend nach militäriſcher Unterſtützung zur Durchführun 
der neuen Geſetze auf dem Lande und in den kleineren Städten. Deshalb wir 
am Orte jedes Landwehrbezirkskommandos ein Bataillon Infanterie, eine Eskadron 


— —— — —— —- —e 
— 


und eine Batterie aufgeſtellt. Indeß werden der größeren Sicherheit halber dieſe 


Truppenteile nicht aus Mannſchaften deſſelben Ergänzungsbezirks gebildet. 
Die Bauern müſſen zur Raiſon gebracht werden. Sie widerſetzen ſich der 
Verſtaatlichung oder, wie es jetzt amtlich heißt, der Vergeſellſchaftung ihres Privat⸗ 


eigentums an Grund und Boden, Pe und Hof, Vieh und fonftigem Inventar. 
u 


Sold’ ein Bauer will durchaus auf feinem Eigenen fiten bleiben, auch wenn er 
ch dabei von früh bis ſpät ſchinden und plagen muß. Man könnte die Leute 
a ruhig ſitzen laſſen, wenn dadurch nicht die ganze planmäßige Organiſation der 
roduktion für das Reich unmöglich würde. Darum müſſen die Unverſtändigen 
5 zu ihrem eigenen ist. gezwungen werden. Wenn aber die ganze Organi⸗ 
ation erſt durchgeführt iſt, dann werden auch die Bauern einſehen, welches an⸗ 
genehme Wohlleben ihnen die Sozialdemokratie bei kurzer Arbeitszeit verſchafft hat. 
Die Knechte und dagger auf dem Lande waren zuerſt, als die großen 
Güter, auf denen ſie bisher Arbeit fanden, für Nationaleigenthuum erklärt wurden, 
hr bei der Sache. Nun iſt aber plötzlich eine ſonderbare Veränderungsluſt in 
ieſe Leute gefahren. Sie drängen alleſamt nach den großen Städten, womöglich 
nad) Berlin. Hier in der Friedrichſtraße und Unter den Linden gewahrte man 


gebracht werden, was allerdings viel Erbitterung hervorruft. Das fehlte auch 


Beſuchs angeihafften Vorräte verderben laſſen. 
Es wäre freilich richtiger geweſen, wenn die erſt jet erlaffenen Beſtimmungen 
bon früher gekommen wären, wonach niemand feinen ? 
er Abweſenheit ohne Urlaubskarte und 0 dauernder Entfernung ohne Anweiſung 


— 10 — 


a und klar darlegt, nach Maßgabe der ſorgfältig aufgeſtellten Berechnungen 
und Pläne der Regierung. Der ſozialdemokratiſche Staat oder, wie es jetzt Ha 
zie Geſellſchaft, nimmt die allgemeine Arbeitspflicht ernſt und duldet des 
keinerlei agabondage, auch keine Eiſenbahnvagabondage. 

Der „Borwärts“ bringt auch heute einen ſehr charfen Artikel gegen die ſo⸗ 
genannten Dezentraliſten, d. h. eine kompromißſüchtige Richtung, zu der ſich auch 
viele Berliner Weißbierphiliſter rechnen. Das ſind Leute, die nicht begreifen 
können, daß die Berliner Stadtverordneten jetzt nicht mehr zu parlamenteln, fon- 
dern nur Ordre zu pariven haben. Den Stadtverordneten liegt es lediglich ob, 
benimmt. im Einzelnen auszuführen, was die Regierung für das ganze Land 

immt. Berlin hat für ſeine im Reichshaltsetat feſtgeſetzte Bevölkerungs ol ſo viel 
auszugeben, wie Gir jedes Jahr in dieſem Etat für neue Hänsch oder öffent de nlagen 
und communale Einrichtungen ausgeworfen werden wird, nichtmehr und nicht weniger. 

Geſtern hat der Reichskanzler wieder einmal, wie der „Vorwärts“ mit Recht 
rühmt, in ſeiner zielbewußten Weiſe im Reichstag geſprochen, und einen einſtim⸗ 
migen Beſchluß erzielt. Es handelte ſich darum, ob ein Verſuch gemacht werden 
fell, das platte Land dadurch zu beruhigen, daß das ländliche Privateigentum 
nicht zu Gunſten der Geſamtheit in Deutſchland, ſondern zu Gunſten ſogenannter 
lokaler Penduftingeno] enſchaften aufgehoben wird, zu welchen die Ein- 
wohner jedes Ortes verbunden werden ſollen. 

„Solche aus Laſſalles Zeit herrührenden und bereits 1891 vom Erfurter Parteitag ab⸗ 
gethanen Irrtümer ſollten doch nicht wieder aufleben. Aus einer ſolchen Organiſation 
dirſchiedener Produktionsgenoſſenſchaften würde ja eine ſelbſtändige Konkurrenz der einzelnen 
Orte unter einander mit Notwendigkeit folgen. Der Unterſchied der Güte des Bodens in 
den verſchiedenen Landſtrichen und Ortſchaften würde wieder Unterſchiede von Reich und Arm 
mit ſich bringen und damit dem Privatkapitaltsmus eine Hinterthür öffnen. Eine planmäßige 
Organiſation der Produktion und Konſumtion aber ſowie eine ſachgemäße Verteilung der 
Arbeitskräfte über das ganze Land duldet keinerlei Individualismus, keinerlei freie Konkurrenz, 
weder eine perſönliche noch eine örtliche Selbſtändigkeit. Die Sozialdemokratie verträgt eben 
keine Halbheiten; man will ſie entweder ganz oder man will He nicht. Wir aber wollen 
fie voll oder ganz zur Wahrheit machen.“ (Lebhafter Beifall.) 


8. Der letzte Familientag. 
Mit meinen beiden Frauensleuten, Frau und Schwiegertochter, habe ich 
e einen ſchweren Stand gehabt. Es war Mutters Geburtstag, ein jeit 25 
hren mir lieber Gedenktag; aber eine frohe Stimmung kam heute nicht zur 
eltung. Morgen reiſt Franz nach Leipzig, morgen müſſen wir auch die beiden 
anderen Kinder abgeben. Großvater zieht in die Altersverſorgungsanſtalt. 

Von alledem war mehr die Rede als vom Geburtstag. Großvater ſtimmte 
meine Frau ſchon vom frühen Morgen an weichmütig. Die Sozialdemokratie, 
— er, iſt unſer aller Unglück; das habe ich immer kommen ſehen. Ich ſchil⸗ 

rte ihm bas gute, bequeme Leben, welches ihn in der Anſtalt erwarte. 

Was nützt mir dies alles, e Koe aus. Ich ſoll dort mit fremden Leuten 
wohnen, eſſen und ſchlafen. Meine Tochter iſt nicht um mich und ſorgt nicht 
mehr für mich. Ich kann nicht rauchen wo und wie ich will. Mit Annie kann 
ich nicht mehr ſpielen, und Ernſt erzählt mir nichts mehr aus der Schule. Auch 
aus Deiner Werkſtatt erfahre ich nichts. Wenn ich wieder einmal krank werde, 
dann bin ich ganz verlaſſen. Einen alten Baum ſoll man nicht verſetzen; mit 
mir wird es nun bald zu Ende ſein. 

Wir tröſteten ihn mit häufigen Beſuchen. Ach, meinte er, mit ſolchen Be⸗ 
ſuchen iſt es nur eine halbe Sache. Dabei iſt man nicht recht unter ſich und 
wird von andern bester . 

Wir ließen die kleine Annie, Großvaters Liebling, verſuchen, ihn in ihrer 
kane ihm enn Weiſe zu tröſten. Das Kind war am munterſten von allen. Es 
datte emand erzählt von vielem Kuchen, hübſchen Puppen, kleiven Hunden, 


“ 


eine Sache iſt. Er ſollte jetzt in die bete kommen und hatte di darauf ge⸗ 
eut. Der Junge hat eine bellen dan „ aber mit dem Studiren will es nicht 
recht bei ihm vorwärts. Nun ſollen aber alle Kinder in gain Alter gleichmäßig 
noch ein paar Jahre ſtudiren und dann erſt eine Fachausbildung erlangen. 

Mutter bereitet uns immer zu 11 Geburtstag einen ſchönen ſaftigen 
Kalbsbraten mit Backpflaumen, unſern hiſtoriſchen Kalbsbraten, wie ihn Franz 
immer ſcherzhaft nannte. Wenn Ihr auch, jo meinte meine Fra weni ‚als 
der Braten auf den Tiſch erſchien, nächſtens zu Beſuch kommt, einen Kalbsbraten 
kann ich Euch doch nicht vorſetzen, denn eine Küche haben wir dann nicht mehr. 
Alle Achtung vor Deinen Kalbsbraten, ſo ſchaltete ich ein, aber darum können 
wir doch unſere Ideale nicht preisgeben. Wir werden auch künftig Kalbsbraten 
eſſen und ſogar öfter und noch manches andere Leckere dazu. Aber, ſo meinte ſie, 
der eine bekommt dann hier, der andere dort zu eſſen. Was dem Dergen bei der 
Trennung verloren ge kann das große Wohlleben nicht erſetzen. Es iſt mir 
auch nicht um den Kalbsbraten, ſondern um das Familienleben. 

Alſo nicht um die Waffe ſondern um die Liebe, ſo ſcherzte ich. Tröſte 
Dich, Alte, wir werden uns inftig auch recht lieb haben und noch mehr freie 
Zeit als bisher, es uns ſagen zu können. a . 

Ach, ſagte meine Frau, ich wollte mich lieber wieder 10 und 12 Stunden 
hier im Hauſe für Euch plagen, als dort 8 Stunden für fremde Kinder, die mich 
nichts angehen. 

Warum muß das alles fein, fragte fie dann ſcharf, und die Schwieger⸗ 
tochter, die immer meiner Frau beiſtimmt. wenn ſie auf ſolche Kapitel kommt, 
wiederholte die Frage noch ſchärfer. Wenn die beiden zuſammen ein Duett reden, 
ſo iſt mich kein Aufkommen mehr, zumal wenn Franz ſich ſo neutral verhält 
oder gar feiner Braut dabei zunickt. 

Habt Jie denn nicht mehr in Erinnerung die ſchönen Vorträge von 
aulein W. über die Emanzipation des Weibes, ihre Gleichberechtigung in der 
eſellſchaft mit dem Mann? Damals haben Euch doch dieſe Reden ebenſo be⸗ 

zeiſtert, wie Bebels Buch! 

A äulein W. ift eine alte Jungfer, die immer nur Chambre garnie 
oder in lafſtellen gewohnt hat, erhielt ich darauf zur Antwort. | 

Darum aber kann fie doch recht haben, erwiderte ich. Gleiches Arbeitsrecht 
und 11 Arbeitspflicht obne Unterſchied bes Geſchlechts iſt die Grundlage der 
ſozialiſirten Geſellſchaft. Unabhängigkeit der Frau vom Manne durch gleichen 
und ſelbſtändigen erb der Frau außer dem Haufe, keine Hausſklaven mehr, 
weder Sklavendienſte der Frau noch der Dienſtboten. Darum äußerſte Beſchrän⸗ 
kung der Häuslichkeit durch Uebertragung häuslicher Arbeit auf große Anſtalten 
der Geſellſchaft. Keine Kinder und keine älteren Perſonen mehr in der Häuslich⸗ 
keit, damit nicht die ungleiche Zahl ſolcher Pfleglinge in der Familie die Unter- 
ſchiede von Arm und Reich aufs Neue hervorbringt. So hat es uns Bebel gelehrt. 

Das mag ja alles recht mathematiſch ausgedacht fein, meinte Grohvater, aber 
glücklich, Auguſt, macht das nicht. Denn warum? Die at fel de Fran dun den dals 

roßvater hat Recht, rief Agnes, und damit fiel fie Franz um den Hals 
mit der Verſicherung, fie wolle garnicht von ihm emanzipirt werden. 

Da war es denn freilich mit einer vernünftigen Auseinanderſetzung zu 
Ende. — Ich wollte doch, der morgige Trennungstag wäre ſchon üb⸗rſtanden. 


— —— 


— 12 — 


9. Der große Amzug. 

Statt der Droſchke, welche heute die Kinder und Großvater adoholen ſollte, 
hielt am Morgen ein Möbelwagen vor der Thür. Mit der Ueberſiedelung hätte 
es noch bis zum Abend Zeit, ſo ſagus der Schutzmann. Zuvor aber ſei er be⸗ 
ordert worden, Möbel aufladen zu laſſen. 

Was fol denn das heißen, rief meine Frau erſchrocken, ich denke, das Haus 
gerät bleibt Privateigentum. a 
Gewiß, gute Frau, ſagte der Schutzmann, alles Hausgerät ſollen wir auch 
Geſe abholen, ſondern nur die hier im Inventar bezeichneten Stücke nimmt die 

Geſellſchaft in Anſpruch. Dabei holte er ein Inventar hervor, welches wir 
früher hatten einliefern müſſen, und zeigte uns auch eine Bekanntmachung im 
ſehen hatten⸗ welche wir allerdings unter den Aufregungen der letzten Tage über⸗ 
ehen hatten. 
meine Frau fiß gleichwohl von ihrem Erſtaunen über das Abholen von 
Möbeln nicht erholen konnte, meinte der Beamte, welcher ſich übrigens recht 
höflich benahm: Aber, liebe Frau, wo ſollen wir denn ſonſt die Möbel hernehmen, 
um alle die neuen Anſtalten für Kindererziehung, Altersverſorgung, Krankenpflege 
u. ſ. w. auszuſtatten? | 

Ja, warum gehen Sie denn nicht zu den reichen Leuten, welche ganze Häufer 

mit den ſchönſten Möbeln bis zum Dach elt. pf t haben, und leeren dort aus? 

un wir auch, Frauchen, ſchmunzelte der Beamte, in der Tiergartenſtraße, 
Viktoriaſtraße, Regentenitraße nnd überall dort herum hält ein Möbelmagen 
hinter dem andern. Der Verkehr ift für anderes Fuhrwerk bis auf weiteres 
völlig geſperrt. Kein Part behält mehr als zwei Betten und an ſonſtigem Gerät 


mit 
apa, 


Ja, meinte meine Frau, wohin ſollen unſere Lieben denn, wenn fie zu uns 


Woßer dazu a er Bettenzahl in den Krankenhäuſern für die ba be. 
0 


den Betten und allen dieſen Spinden und Tiſchen anfangen, wenn der alte 


Platzes in der vr en Wohnung. 
eu das meine gute Frau in ihrer etwas lebhaften Ein- 

kommen, in der 
wir dann ein oder zwei Eng für Logirbeſuch einrichten könnten. Qu bar es 
aula allerdings keine Deranlaflung, denn Bebel hat es 

as allernotwendigſte 


chte ſich dann zu beruhigen in dem Gedanken, der Vater und die 


in die Verſorgungsanſtalt mitgeben wollen. 

Nein, ſo iſt es nicht gemeint, bemerkte der Beamte. Alles wird zuſammen⸗ 
gebradit, ſortirt und dann paſſend verwendet, wie es fich gerade macht. Es würde 
och eine kunterbunte Möblirung in den Anſtalten herauskommen, wenn jeder 
dort für ſich apart fein eigenes Gerümpel aufjtellen wollte. 


— 12 — 


| Daram gab es dann wieder neues Lamento. Den Sorgenftuhl hatte Groß⸗ 
vater zu ſeinem letzten Geburtstag von uns geſchenkt erhalten. war noch wie 
neu, und der Alte fühlte ſich darin ſo mollig. * dem Kinderbett von Annie 
hatten der Reihe nach unſere Kinder geſchlafen. Es war je nach dem Bedarf 
auf dem Boden gewandert und wieder heruntergeholt worden. Das große Spind, 
welches wir nachher Vater überließen, gehörte zu den erſten Stücken, die wir uns 
der Hochzeit auf Abzahlung kauften. Wir haben es uns ſauer werden laſſen 
müſſen, um damals unſern Hausrat ſoweit zu vervollſtändigen. Der Spiegel 
war ein Erbſtück von meinem Vater. Er pflegte ſich vor demſelben zu rafiren. 
Die Ecke dort unten hatte ich als Knabe abgeſtoßen, was mir derbe Prügel ein⸗ 
trug. So klebt an jedem Hausgerät ein Stück Lebensgeſchichte von uns. Das 
ſollte nun alles wie Trödelware auf Nimmerwiederſehen verſchwinden. 
ber es half nun einmal nichts. Die Möbel wurden aufgeladen. Am 
Abend wurden dann auch richtig die Kinder und Großvater von einem andern 
Schutzmann abgeholt. Begleiten durften wir ſie nicht. Das H. er muß doch 
endlich einmal ein Ende nehmen, Ir te der Machtmeißeer ber! Er hatte jo um 
recht 18. Dieſe alte Gefühlsduſelei paßt nicht zu dem Geiſteswehen der neuen 
eit. Jetzt, wo das Brüderreich der ganzen Menſchheit beginnt und Millionen 
einander umſchlungen halten, gilt es den Blick herauszuheben über die engen 
kleinbürgerlichen Verhältniſſe einer vergangenen überwundenen Zeit. 

Das ſagte ich auch meiner Frau, als wir allein waren. Wenn es nur 
nicht fo öde und ſtill wäre in den halb ausgeleerten Räumen! Wir find fo allein 
wie jeh ſeit dem erſten yabr unſerer Ehe nicht mehr gemejen. 

ie mögen die Kinder und Großvater heute Abend gebettet jein unterbricht 
mich meine Frau ſoeben, ob fie wohl ſchlafen können? Annie ſch ief freilich ſchon 
beinahe, als der Schutzmann fie holte. Ob ihre Kleider wohl richtig abgeliefert 
Im und man ihr das lange Nachtröckchen angezogen hat, damit fie ſich nicht er⸗ 
ltet? Sie ſtrampelt ſich doch im Schlaf immer die Decke fort. Ich hatte das 
Nachtröckchen oben auf die Kleider gelegt mit einem Zettel für die Wärterin. 
| Meine Frau und ich werden heute Nacht ſchwerlich ein Auge zuthun. — 
Man muß ſich eben an alles erſt gewöhnen. 


10. Das neue Geld. 


Die Photographen haben viel Arbeit bekommen. Alle Deutſchen im Alter 
dom 21. bis 65. Lebensjahr, alſo alle diejenigen, welche nicht in Staatsanſtalten 
unterhalten werden, ſind angewieſen worden, ſich photographiren zu laſſen. Es 

t dies nutz rana, um die neuen Geldeertiſtkate, welche an Stelle der bisherigen 
Kaſſenſcheine treten ſollen, einzuführen. 

n ebenſo ſcha inniger wie kluger Wa ſo führt der „Vorwärts“ aus, 
hat unſer Reichsſchatzſekretär das Problem gelöſt, ein Tauſchmittel herzuftellen, 
welches die legitimen Zwecke eines ſolchen erfüllt und doch das Wiederaufkommen 
einer Kapitali u fh völlig ausſchließt. Das neue Geld hat nicht wie Gold 

oder Silber an ſich einen Wert, ſondern beſteht nur in Anweiſungen auf den 
Staat als den nunmehrigen alleinigen Beſitzer aller Verkaufsgegenſtände. 


Jeder Arbeiter im Dienſt des Staates erhält von 14 zu 14 Tagen ein 


Gebrauchs durch andere Perſonen gleich den früheren Abonnementsbillets bei der 
Berliner Stadtbahn mit der Photographie des Inhabers auf dem Deckel verſehen 
| bei muß. For die für Alle gleichmäßig vorgeſchriebene Arbeitszeit verhindert 
ei gleichem Lohn, daß ſoziale "Ingleichheiten aufkommen in Folge der verſchiedenen 
Befähigung und des verſchiedenen Grades, wie von dieſen Fähigkeiten Gebrauch 
benen wird. Es gilt aber noch, ebenſo wie bei der Produktion auch die Mög⸗ 
ichkeit auszuſchließen, daß ſich durch Verſchiedenheit der Konſumtion Werte in 
den Händen einzelner ſparſüchtiger oder bedürfnisloſer Perſonen anſammeln 


Certifikat "dung on welches auf den Namen lautet und zur Verhinderung eines 


— 14 — 


können. Auch hierdurch hätte ja eine Kapitaliſtenklaſſe Eingang finden können, 
welche im Stande geweſen wäre, weniger ſparſame und deshalb ihren Lohn 
konſumirende Arbeiter allmählig in Abhängigkeit von ſich zu bringen. 
Damit das Certifikat im ganzen und in ſeinen einzelnen Coupons nicht 
Dritten überlaſſen werden kann, find die einzelnen Coupons bei dem Gebrauch 
nicht von dem Inhuber, ſondern in Gegenwart des ſelben von dem den Coupon 
in Zahlung nehmenden Verkäufer oder ſonſtigen Beamten des Staats loszu⸗ 
trennen. Die Coupons, welche von 14 zu 14 Tagen in dem auf dem Dedel 
mit der Photographie des betreffenden Inhabers verſehenen Büchlein von dem 
zuſtändigen Staatsbuchhalter neu eingeheftet werden, find verſchiedenartig ein. 
erichtet. Ein Wohnungscoupon oder eine Wohnungsmarke iſt durch den Portier 
sjenigen Hauſes, in welchem die Wohnung angewieſen iſt, regelmäßig loszu⸗ 
trennen. — Die neue Wohnungsvertheilung ſoll kurz vor der Eröffnung de 
Staatsküchen ſtattfinden, weil alsdann die bisherigen Küchen außer Gebrauch 
peiet: werden können — eine Eßmarke 1 bei ahme des Mittagsmahls in 
en Staatsküchen vom Buchhalter dafelbſt loszutrennen, eine Brotmarke beim 
Empfang der Brotportion (700 Gr. pro Kopf und Tag). Die Geldmarken, welche 
ſich außerdem noch in dem Certifikat befinden, haben einen verſchiedenen Nenn⸗ 
wert und können vom Inhaber, je nach ſeinem perſönlichen Belieben, verwandt 
werden zur Anſchaffung von Fel und Abendmahlzeiten, von Tabak und geiſtigen 
Getränken, für Reinigung der Wäſche und Ankauf von Kleidungsgegenſtänden, 
kurzum für alles, was ſonſt ſein Herz an Waren begehrt. Alles wird ja in den 
Staatsmagazinen und Verkaufsſtellen zu haben fein. Der Verkäufer hat ſtets 
nur die dem feſtgeſetzten Preis entſprechenden Coupons loszutrennen. 


Da jeder Coupon die Nummer des Certifikats trägt und der Inhaber des⸗ 
ſelben in der Liſte vermerkt iſt, ſo läßt ſich aus den angeſammelten Coupons 
entnehmen, in welcher Weiſe jeder ſeinen Lohn konſumirt hat. Die Regierung 
iſt alſo in den Stand geſetzt, jedem nicht blos auf die Haut, ſondern gewiſſer⸗ 
maßen bis in den Magen hineinzuſehen, was die Organiſation der Produkiion 
und Konſumtion in hohem Maße erleichtern muß. 

Die für den Coupon gekauften Waren kann der Käufer ſelbſt gebrauchen 
oder anderen überlaſſen. Der dodende kann Iogar dieſe Waare durch ſchriftliche 
Verden r den Todesfall beliebig vererben. In einer die Gegner und 
Verleumnder der Sozialdemokratie wahrhaft beſchämenden Weiſe iſt ſomit, wie 
der „Vorwärts“ treffend bemerkt, durch dieſe Einrichtung dargethan, daß die 
Sozialdemokratie keineswegs jedes Privateigentum und jedes Erbrecht beſeitigen 
will, ſondern das individualiſtiſche Belieben nur ſoweit einſchränkt, wie es die 
Fernhaltung eines neuen Privatkapitalismus und eines Ausbeuterſyſtems bedingt. 

Wer innerhalb 14 Tagen, alſo bis zur Ausfertigung eines neuen Certifikats, 
jeine Coupons nicht vollſtändig verbraucht hat, erhält auf dem nächſten Certifikat 
en unverbrauchten Reſt gut geſchrieben. Aber eilig muß auch hier Vorkehrung 
getroffen werden, daß ſich nicht ſolche Reſtbeträge bis zu wirklichen Kapitalien 
anhäufen können. Ein Betrag von ſechszig Mark gilt mehr als ausreichend, um 
es dem einzelnen zu ermöglichen, ſich auch größere Kleidungsſtücke aus den Er⸗ 
ſparniſſen der Certifikate anzuſchaffen. Was über dieſen Ertrag hinaus erſpart 
wird, verfällt daher der Staats kaſſe. 


11. Die neue Häns lich eit. 


Die große Bohnungelotterie bat ftattgefunden und die neue Bohrung IR 
von uns bezogen worden. Freilich verbeſſert haben wir uns nicht gerade. ir 
wohnten Berlin 8 W., drei Treppen im Vorderhauſe und haben — zufällig in 
baus. 2 Hauſe — eine Wohnung angewieſen erhalten drei Treppen im Hinter⸗ 
hauſe. Meine Frau iſt ein Bis en Hart enttäuſcht. Sie hatte zwar den Ge 


— 18 — 


danken an eine kleine Villa aufgegeben, aber wohl noch immer auf eine halbe 
Beletage irgendwo gehofft. 

Auf die Wohnung habe auch ich immer viel gegeben. Wir hatten bisher für 
uns 6 Perſonen 2 Stuben, 2 Kammern und die Küche. Die beiden Kammern, 
in denen Großrater und die Kinder ſchliefen, brauchen wir allerdings jetzt nicht 
mehr. Der Küche bei den Wohnungen bedarf es auch nicht weiter, da morgen 
die Sur in Sr eröffnet werden ſollen. Aber auf 2 bis 8 busch Stuben hatte 
ich mir im Stillen ſelbſt Hoffnung gemacht. Statt deſſen haben wir eine ein⸗ 
fenftrige ‚Stube und eine Art Mädchengelaß, wie man es früher nannte, zugeteilt 

kommen. Etwas dunkler und etwas niedriger ſind die Räume, auch Nebenräume 
m "des Al ift mit rechten Di n. Unſer Magiſtrat i 
n es iſt mit rechten Dingen zugegangen. er Magi 
lich, und nur ein Schelm giebt mehr, als er hat. Wie geſtern in der Sehe. 
verordnetenverſammlung dargelegt wurde, hat Berlin bisher laut dem früheren 
Mietsſteuerkataſter für ſeine 2 Millionen inwohner eine Million Wohnzimmer 
ur Verfügung gehabt. Nun iſt aber der Bedarf an Räumen für Öfentige 
fon in unſerer ſozialiſirten Geſellſchaft außerordentlich gewachſen. ie zu 
ffentlichen Zwecken ſchon vorhanden geweſenen Räume einſchließlich der Laden⸗ 
lokale vermochten deshalb nur einen winzigen Bruchteil des jetzigen Bedarfs zu 
decken. War doch ſchon eine Million junger und alter Perſonen in Erziehungs⸗ 
und Verpflegungsanſtalten unterzubringen. Krankenhäuſer mit 80 000 Betten 
ſind jeg reſervirt. 
olche öffentliche Zwecke nähen aber den Privatintereſſen vorangehen. 
Mit großem Recht hat man deshalb vorzugsweiſe die größeren und beſſeren 
Sn be „ namentlich in den weſtlichen Stadtteilen, dafür in Beſchlag genommen. 
n den inneren Bezirken liegen deſto mehr Bureaus und Verkaufsmagazine. In 
den lr cecſen ind überall die Staatsküchen und Speiſehäuſer für diejenige 
Million Einwohner eingerichtet, welche nicht in öffentlichen Anſtalten untergebrac 
iſt. In den Hinterhäuſern befinden ſich auch Centralwaſchanſtalten für dieſelben. 
enn dergeſtalt für ſo viele beſondere Zwecke auch beſondere Räumlichkeiten 
reſervirt werden mußten, ſo ergab ſich daraus von vornherein eine Beſchränkung 
der Privatwohnungen. j 
Bei Uebernahme der Regierung find wie gejagt im ganzen eine Million 
verfügbarer Wohnzimmer vorgefunden worden. Es ſiud davon nach Deckung des 
Bedarfs für öffentliche Zwecke 600 000 mehr oder weniger kleine Wohnzimmer 
übrig geblieben nebſt einigen hunderttauſend Küchenräumen und andern Neben⸗ 
räumen. Für die in Privatwohnungen unterzubringende Million Einwohner ent⸗ 
el daher pro Kopf eine Räumlichkeit. Um jede Ungerechtigkeit zu verhindern, 
dieſe Räume verloſt worden. Jede Perſon von 21 bis 45 Jahren, männ⸗ 
lich oder weiblich, erhielt ein Los. Das Verloſen iſt überhaupt ein vorzügliches 
Mittel, um dem Prinzip der Gleichheit bei ungleichen Verhältniſſen Rechnung zu 
tragen. Die Sozialdemokraten in Berlin hatten ſchon in der früheren Geſellſchaft 
ſolche Verloſungen eingeführt bei Theaterplätzen. 
Nach der Verloſung der Wohnungen war Umtauſch der zugeloſten Räume 
geltastet. Diejenigen, welche beiſammen bleiben wollten wie Eheleute aber nach 
traßen, Häuſern oder Stockwerken getrennte Räume zugeloſt erhalten hatten, 
tauſchten mit anderen. Ich konnte freilich neben der für meine Frau ausgeloſten 
Stube nur noch das Mädchengelaß bekommen, indem ich dafür die für mich im 
Nachbarhauſe zugeloſte Stube einem jungen Mann überließ, welcher das Mädchen⸗ 
daß d hatte. Indeß die Hauptſache iſt doch, das wir beide zuſammen ge⸗ 
lieben ſind. 
Allen Eheleuten iſt ein entſpeechender Zimmertauſch freilich noch nicht ge 
glückt. Manche geben ſich vielleicht auch keine rechte Mühe, wieder zuſammen⸗ 
zukommen. Die Ehe iſt Privatſache und deshalb können von Amtswegen nicht 


— 16 — 


beſondere größere Wohnungen für Eheleute und kleinere Wohnungen Einzel⸗ 
perionen verloſt werden. Wäre letzteres der Fall, ſo würde ja belppelswel 
ie Auflöſung einer Ehe, welche doch an jedem Tage möglich ſein ſoll, bis zum 
erden von Wohnungen für Einzelperionen hinausgeſchoben werden mühe 
dagegen kann jede bei Eingehung der Ehe nach privater Entſchließung von 
gel Perſonen zufammengelegte Wohnung ebenſo wieder bei Auflöſung der Ehe 
ihre beiden urſprünglichen Teile zerlegt werden. Man teilt die zuſammengeſtellten 
Möbel ab, und alles iſt wieder vorbei. 


So ift in der neuen Geſellſchaft auch hier alles auf das folgerichtigſte und 
ſcharfſinnigſte geordnet worden. ie beſchämend ſind doch dieſe Einrichtungen, 
welche jede perſönliche Freiheit für Mann und Weib garantiren, wiederum für 
diejenigen, die ſtets behauptet haben, daß die Sozialdemokratie eine Knechtſchaft 
des Einzelwillens bedeute. ö | 

Für meine Alte und mic find dies natürlich kein praktiſchen Fragen. Wir 

alten wie bisher in Natur und Leid bis zu unſerm Lebensende treu zuſammen. Das 

nd nur ſchwache Naturen, bei welchen der innere Herzensbund auch noch der 
| eren Klammern, wie in der alten Geſellſchaft bedarf, um nicht auseinander 
zufallen. 

Leider haben wir beim Umzug wieder einen weiteren Teil unſeres Haus⸗ 
rats im Stich laſſen müſſen. Die neue Wohnung war zu klein, um auch nur 
den Reſt unſeres Mobiliars, der uns nach dem Umzugstage unſerer Lieben 
geblieben vollſtändig aufnehmen zu können. Wir haben natürlich in die beiden 

elaſſe hineingeſteckt, was von unſern Sachen hineinging, ſodaß wir in der 

Bewegung etwas beengt ſind. Aber das ehemalige Mädchengekaß iſt doch gar 
zu klein und hat auch 8 wenig Wandfläche. Sehr vielen anderen iſt es auch 
nicht beſſer ergangen. Beim oznungs wachen blieben daher ſehr viele Sachen 
uf der Straße ſtehen, welche in den neuen Räumen von ihren bisherigen Beſitzern 
nicht untergebracht werden konnten. Dieſe Sachen ſind ſämtlich aufgeladen 
worden, um die noch ſehr mangelhafte Einrichtung in unſeren großen öffentlichen 
Anſtalten nach Möglichkeit zu vervollſtändigen. 

Darüber wollen wir uns aber nicht betrüben. Es gilt, in der neuen 
Geſellſchaft an Stelle einer beſchränkten as t ein Privatexiſtenz ein groß⸗ 
artiges öffentliches Leben zu organiſiren, das mit ſeinen auf das vollkommenſte 
eingerichteten Anſtalten für leibliche und geiſtige Nahrung jeder Art, für Erhol ung 
und Geſelligkeit allen Menſchen ohne Unterſchied dasjenige zu Theil werden läßt, 
was bis dahin nur eine bevorzugte Klaſſe genießen konnte. Der morgigen 
Eröffnung der Staatsküchen ſoll demnächſt auch die Eröffnung der neuen Volks⸗ 


theater folgen. 
12. Die neuen Staatsküchen. 


Es iſt doch eine wahrhaft bewundernswerthe Leitung daß heute in ganz 
Berlin mit einem Schlage 1000 Staatsküchen, jede zur Speiſung von je 1000 
Perſonen, eröffnet werden konnten. Zwar wer ſich eingebildet hat, daß es in 
dieſen Staatsküchen hergehen werde, wie an der Table d’höte der großen Hotels 
ur Zeit, als dort noch eine üppige Bourgeoiſie in raffinirter Feinſchmeckerei 
bers muß ſich enttäuſcht finden. Natürlich giebt es in den Staatsküchen 
er Nogialifieten Geſellſchaft auch keine ſchwarz befradten und geſchniegelten Kellner, 
auch keine ellenlangen Speiſekarten und dergleichen. 

Alles iſt für die neuen Staatsküchen bis in die kleinſten Einzelheiten hinein 
genau vorgeſchrieben. Niemand wird vor dem andern auch nur im geringiten 
evorzugt. Eine Wahl unter den verſchiedenen Küchen iſt natürlich nicht geſtattet. 
Jeder hat das Recht in der Küche ſeines Bezirks zu ſpeiſen, innerhalb deſſen die 
neue Wohnung Ateben iſt. Die Hauptmahlzeit wird verabreicht zwiſchen 12 Uhr 
mittags und 6 Uhr abends. Jeder meldet ſich bei derjenigen Küche, welcher er 


— 17 — a | 


en iſt, entweder in der Mittagspauſe feiner Arbeitszeit oder nach 
igung der Arbeit. . 
Leider kann ich mit meiner Frau, wie ich dies ſeit 25 Jahren geivohnt 


machten ſich allerdngs in den Küchen heute ein wenig unangenehm maufig. Das 


Es wurde natürlich bunte Reihe gemacht. Jeder nimmt Platz, wie er 
gerade von der Arbeit kommt. Neben einem Müller jaß. mir gegenüber ein 
er Müller. 


Urſprünglich wollte man, wie unſere Nachbarin, die Kochfrau, erzählte, in 
jeder Küche verſchiedene Speiſen derart zur Auswahl ſtellen, daß nach dem Ale 


e Portionen ſind für jedermann gleich gb. Ein Nimmerfatt, wel 
eute unter Verletzung des ſozialdemokratiſchen Gleichheitsprinzips noch eine Zu⸗ 
ge verlangte, wurde herzkich ausgelacht. Auch der Gedanke, den Frauen kleinere 

Portionen zuzumeſſen, iſt als der Gleichberechtigung beider Geſchlechter und ihrer 

gleichen Arbeitspflicht widerſprechend von vornherein zurückgewieſen worden. Frei⸗ 
ich müſſen auch die Männer von ſchwerem Körpergewicht mit derſelben Portion 

fürlieb nehmen. Aber für diejenigen darunter, welche ſich in ihrem früheren Wohl⸗ 
leben als Bourgeois gemäſtet haben, iſt das Sufammengiehen des Schmacht⸗ 
riemens ganz geſimd. olchen Perſonen dagegen, welche durch ſitzende Lebens⸗ 
weiſe und durch Naturanlage eine ſtärkere Leibesfülle gewonnen haben, iſt bei 
dem achtſtündigen Maximalarbeitstag freie fee gewährleiſtet, ſich anderweitig zu 
trainiren. Auch kann ich ja jeder von Hauſe ſo viel von ſeiner Brotportion als 
ukoſt zur Mahlzeit mitbringen, wie er immer eſſen mag. Ueberdies iſt es den⸗ 
enigen, welchen ihre Portion zu groß iſt, freigeſtellt, ihren Tiſchgenoſſen einen 
il davon abzugeben. | j 
Wie unſere Nachbarkn erzählte, hat das Minifterium für Volksernährung 
dem Küchenzettel die wiſſenſchaftlichen Erfahrungen darüber zu Grunde gelegt, 
wie viel Gramm dem Körper, um ihn in ſeinem ſtofflichen Zuſtand zu erhalten, 
an ſtickſtoffhaltigen Nährſtoffen (Eiweiß) und ſtickſtofffreien Nährſtoffen (Fett und 
Kohlhydrate) zuzuführen jmd. Es giebt täglich für jedermann lei (durch⸗ 
% 


4 
“ 


| — BB — 
ittlich 150 Gramm pro Portion) und daneben entweder Reis, Graupen oder 
ſenfrüchte (Erbſen, Bohnen, Linien), faſt immer mit reichlſchen Kartoffeln. 
onnerstag wird Sauerkohl mit Erbſen verabreicht. Was in Berlin an jedem 
da gie t wird, iſt an den Anſchlagſäulen zu leſen. euer de veröffentlichen 
den Küchenzettel ſchon für die ganze Woche, genau jo wie früher den Theaterzettel. 
Wo hat es je in der Welt ein Volk gegeben, in welchem wie 155 bei uns 
jedermann täglich Fine Fleis portion geſichert iſt? Selbit ein franzö i ger König 
nte als höchſtes Ideal ſich nur vorſtellen, daß am Sonntag jeder uer ſein 
Huhn im Topfe haben ſolltk. Dabei muß man 19 noch gegenwärtig halten, daß 
neben der gleichen Grundlage, welche für die Ernährung von Side dende ge⸗ 
legt wird, dem perſönlichen Belieben eines Jeden überlaſſen bleibt, bei den Neben⸗ 
mahlzeiten ſich morgens und abends alles dasjenige zu gönnen, was ſein Gaumen 
verlangt, natürlich immer in den Grenzen des Geldcertifikats. „ . 
1 Keine Brotloſigkeit, keine Obdachloſigkeit mehr! Für jedermann an jedem 
Tage Fleiſch im Topfe! Schon dieſes Ziel erreicht zu haben, iſt ein fo erhabener 
Gedanke, daß man darüber manche bequemlichteiten die allerdings der neue 
Zuſtand mit ſich bringt, vergeſſen unß. Freilich die Fleiſchportion könnte noch 
etwas größer ſein. Aber unſere vorſichtige Regierung wollte zu Anfang nicht mehr 
verabreichen, als bisher in Berlin mittags durchſchnittlich verzehrt wurde. Später ſoll 
ja Alles bei uns viel reichhaltiger und großartiger werden, je mehr die neuen Ein⸗ 
richtungen ſich vervollkommen und die ebergangsverhältniſſe überwunden werden. 
Eines nur raubt dem Flügelſchlag meiner Seele den höheren Schwung: die 
Bekümmernis meiner guten Frau. Sie iſt recht nervös geworden und wird es 
täglich immer mehr. Während unſerer 25 jährigen Ehe haben wir nicht ſo viel 
erregte Auseinanderſetzungen gehabt, wie ſeit der Begründung der neuen Ordnung. 
Die Staatsküchen behagen ihr aug nicht. Das Eſſen, meint der ſei Kaſernen⸗ 
koſt und keine Hausmannskoſt. Das Fleiſch ſei zu ausgekocht, die Brühe zu 
wäſſerig u. ſ. w. Wenn ſie ſcon acht Tage im voraus wiſſe, was ſie jeden Tag 
eſſen "oe verliere ſie ſchon davon den Appetit Und dabei hat ſie doch früher 
mir ſo oft vorgeklagt, ſie wiſſe bei den teuren Preiſen garnicht mehr, was ſie 
kochen ſolle s paßte ihr früher ſtets, wenn einmal Sonntags nicht gekocht 
werden brauchte, weil wir einen kleinen Ausflug unternahmen. Nun, Frauen 
immer an Speiſen etwas auszuſetzen, die ſie nicht ſelbſt gekocht ha en. 
Ich hoffe, daß, wenn fie erſt einmal die Kinder und den Vater in der 
Anſtalt beſucht und wohl und munter gefunden hat, auch der Gleichmut ihrer 
Seele wieder zurückkehren wird, der ſie früher ſelbſt in den ſchwierigſten Zeiten 
unſerer Ehe niemals verlaſſen hat. 7 


13. Ein ärgerlicher Zwiſchenfall. 
Unſer Reichskanzler iſt nicht mehr fo beliebt wie früher. yo bedaure dies 
um ſo aufrichtiger, als es einen eichtigeren, u ncht geb und thätigeren Staats- 
, einen zielbewußteren Sozialdemokraten nicht geben kann. Aber freilich, 
jeder iſt nicht ſo verſtändig wie ich. Wem irgend etwas in der neuen Ordnun 
nicht paßt, wer ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht fühlt, ſchiebt die Schuld auf 
unſern Reichskanzler. Ganz beſonders falſch auf den Reichska ler ſind viele 
Frauen ſeit dem großen Umzug und der Einrichtung der Staatsküchen. Es ſoll 
unter den Frauen wen eine Reaktionspartei in der Bildung begriffen jein. 
Meine Frau iſt ſelbſtverſtändlich nicht darunter, ich hoffe, Agnes auch nicht. 
Gefliſſentlich hat man auch gegen den Reichskanzler verbreitet er ſei em 
Ariſtokrat. Er putze ſich ſeine Stiefel nicht ſelber und laſſe ſich ſeine Kleider 
durch einen Diener reinigen, der ihm auch das Eſſen aus der Staatsküche 
die er angewieſen iſt, in das Schloß bringen muß. Das wären freilich arge 
Berftöge gegen das Gleichheitsprinzip; aber es fragt fih doch, ob es wahr ift 


— 19 — 


Seng, dieſe Unzufriedenheit, welche offenbar von der Partei der Jungen 
Sr zum eat m, iſt öffentlich in einer ſehr häßlichen und tadelnswerten 
Bei e zum Ausdruck gelangt. f dem Platz der ehemaligen Schloßfreiheit war 
das neue allegoriſche Denkmal zur Verherrlichung der Großthaten der Pariſer 
Kommune im Jahre 1871 geſtern enthüllt worden. Seitdem iſt der Platz unaus⸗ 
eſetzt von vielen Neugierigen bedeckt, welche 1 dieſes großartige Denkmal am 
5 er zu Wagen, von einer Spazier⸗ 


er hörte man Pfeifen, Lärm und Toben. Wahrſcheinlich hatte die berittene 


Der Reichskanzler, dem man den verhaltenen Zorn anmerkte, grüß 


14. Miniſterkriſis. 


Der Reichskanzler hat ſeine Entlaſſung angeboten. Alle Dutgefinnten können 
dies nur aufrichtig bedauern, zumal nach den geſtrigen Vorfall. Aber der Reichs- 
kanzler ſoll etwas überarbeitet und nervös aufgeregt ſein. Es wäre wirklich kein 
Wunder. Denn er hat das Hundertfache zu denken und zu arbeiten von dem⸗ 
Uingur was früher die Reichskanzler der Sourgeol e zu thun hatten. Der 
ndank der Menge hat ihn tief gekränkt. Der Vorfall am Schloßportal war 
der letzte Steel welcher das Jaß zum Ueberlaufen brachte. 
ie Stiefelwichsfrage hat allerdings die Miniſterkriſis veranlaßt. Es wird 
letzt bekannt, das der Reichskanzler ſchon vor längerer Zeit dem Staatsminiſterium eine 
ausführliche Druckſchrift überreicht hat, über welche die Beſchlußfaſſung ſtets ausgeſetzt 
worden i Nun beſteht der Reichskanzler auf ſofortige Entſcheidung und hat ſeine 
Denkſchrift im „Vorwärts“ veröffentlichen laſſen. Die Denkſchrift verlangt, daß 
Unterſchiede gemacht werden. Er könne die Dienſtleiſtungen Anderer für ſeine 
Perſon nicht entbehren. Der achtſtündige Maximalarbeitstag iſt für den Reichs⸗ 
kanzler thatſächlich nicht vorhanden, es ſei denn, daß man ſtatt eines Reichskanzlers 
drei Reichskanzler einſetzt, welche innerhalb 24 Stunden umſchichtig je 8 Stunden 
u regieren hätten. Der Reichskanzler hat, wie er ausführt, an jedem Morgen 
ſehr viel Zeit und Arbeitskraft verloren mit dem Reinigen ſeiner Stiefel und ſeiner 


Kleidung, mit dem Zimmeraufräumen, dem Frühſtückholen u. ſ. w. Infolge deſſen 
u 


hätten wichtige Staatsgeſchäfte, welche nur er erledigen könnte, einen Aufſchub 
erfahren müſſen. Habe er nicht mit abgeriſſenen Knöpfen vor den Botfchaftern 
auswärtiger Mächte esche wollen, ſo hätte er beat — der Kanzler iſt bekannt⸗ 
lich unverheiratet — ſich alle Kleiderreparaturen beſorgen müſſen, die nicht warten 
können die Abholung zu den großen chender Hülleleiſtn des Staates. Solchen 
großen den der 0 hätte er bei entſprechender Hülfeleiſtung durch einen Diener 
zum Beſten der Geſammtheit erſparen können. das Eſſen in der ihm zuge⸗ 
wieſenen Staatsküche war läſtig wegen des Andranges von Bittſtellern, welche 
dort förmlich auf ihn Jagd machten. Spazierfahrten in den Tiergarten mit feiner 


u TE 


Di e will der ler nur unternommen haben, wenn es ihm wegen 
der Lehm Zeit unmöglich geweſen ſei, auf andere Weiſe Ehelung in der 


friſchen Luft zu ſuchen. 
Das hört ſich ie Alles ſehr plaufibel an, aber leugnen läßt 100 doch nicht, 
daß der Antrag d eichskanzlers das Prinzip der ſozialen Gleichheit verletzt 


geeignet ift, mit den Dienſtboten die Hausſklaverei wieder einzuführen. Denn 
was der Reichskanzler für ſich verlangt, könnten mit demſelben Recht auch alle 
ue n Miniſter und Miniſterialdirektoren, vielleicht ſogar die vortragenden Räte, 
die Direktoren großer Staatsanſtalten, Oberbürgermeiſter und Magiſtratsmit⸗ 
Eren für ſich beanfpruden, Andererſeits ii es auch mißlich, wenn die ganze 

taatsmaſchine, auf deren akuraten Gang bei unſeren großen Organiſationen 70 
unendlich viel ankommt, ins Stocken gerät, weil der Reichskanzler ſich zunächſt 
die Knöpfe annähen oder die Stieſel putzen muß, bevor er eine Audienz erteilen kann. 


ier liegt allerdings eine Frage von größerer Tragweite vor, als es auf 
den erſten Blick Manchem erſchienen ſein mag. Daß fene ein Ib ausgezeichneter 
Reichs ahn über dieſen 


anzler und zielbewußter Sozialdemokrat auf ſeiner Lauf 
Stein ſtolpern ſoll, will mir noch nicht in den Sinn. 


15. Auswanderung. 


Die in Folge der Stiefelwichsfrage ausgebrochene Miniſterkriſis dauert 
fort. Inzwiſchen it ein ſchon vorher zu Stande gekommenes Geſetz gegen die 
unerlaubte Auswanderung erſchienen. Die Sozialdemokratie beruht aut er all» 
gemeinen Arbeitspflicht, ebenſo wie die frühere Ordnung in der allgemeinen Mili«- 
tärpflicht ihre Stütze fand. So wenig es damals Perſonen im militärpflichtigen 
Alter geſtattet war, ohne Erlanbnis auszuwandern, ſo wenig kann dies unſer 
Staatsweſen Perſonen in arbeitspflichtigem Alter erlauben. Altersſchwache Leute 
und Säuglinge mögen auswandern, aber Perſonen, die ihre Erziehung und Bil⸗ 
dung dem Staate verdanken, kann die Auswanderung nicht geſtattet werden, ſo 
lange ſie noch im arbeitspflichtigen Alter ſtehen. 

n der erſten der der neuen Ordnung waren es faſt uur Rentner, welche 
mit ihren Familien über die Grenze gingen. Ihre Arbeitskraft war zwar mit in 
Rechnung bestelle aber ſolche Rentner, bisher nur an Kuponabſchneiden und Quittung⸗ 
unterſchreiben gewöhnt, leiſteten thatſächlich fo wenig, daß man auf ihre werte Mite 
arbeiterſchaft verzichten konnte. Dafür, daß ſie Geld und Geldeswert nicht über die 
Grenze mitnahmen, war ja zur Genüge geſorgt worden. Auch die Auswanderung faſt 
aller Maler, Bildhauer und vieler Schriftſteller wäre noch zu verſchmerzen. Den 
Herren gefiel die Einrichtung des Großbetriebes nicht. Sie nahmen Anſtand, in 
gemeinjomen großen Werkſtätten unter Aufficht für Staatsrechnung zu arbeiten. 

aßt fahren nur dahin! Es ſind noch freiwillige Dichter genug vorhanden, welche 
in ihren Mußeſtunden zu Ehren der Sozialdemokratie den Pegaſus beſteigen. Von 
den Malern und Bildhauern war verlangt worden, daß ſie ihre Kunſtwerke nicht 
mehr dem reichen Protzentum zu Füßen legen, ſondern nur der Allgemeinheit 
widmen. Das paßt aber dieſen Mammonsknechten nicht. 5 

Allerdings hat die Auswanderung der Bildhauer zur Folge, daß die Aufſtellung 

vieler Statuen unſerer verſtorbenen Geiſtesheroen Unter den Linden noch nicht er⸗ 
folgen konnte. Selbſt die Statuen der unvergeßlichen Vorkämpfer Stadthagen und 
Liebknecht ſind noch nicht fertig geworden. Für die Ausſchmückung unſerer Ver⸗ 
ſammlungslokale dagegen ſind Bildwerke in Hülle und Fülle vorhanden aus den 
ausgeleerten Feſträumen der Bourgeois. | 
Die Herren Schriftſteller, welche alles bekritteln und berufsmäßig Unzufrieden⸗ 
heit im Volk verbreiten, ſind für ein auf dem Willen der Volksmehrheit beruhendes 
Staatsweſen völlig entbehrlich. Schon Liebknecht that den unvergeßlichen Ausſpruch: 
Wer ſich dem Willen der Mehrheit nicht beugt und die Disziplin untergräbt, fliegt 
hinaus. Gehen dieſe Herren von ſelbſt, deſto beſſer. 


TR „ rr 


— 21 — 


Darum alſo brauchte kein Auswanderungsverbot erlaſſen zu werden. Aber 


Befremden mußte es allerdings erregen, daß in ſtets wachſender Zahl auch nützliche 
Leute, welche etwas gelernt haben, über die Grenze gehen, nach der Schwe 
England und Amerika, wo die Sozialdemokratie noch immer nicht zur Herrſcha 


gelangt iſt. Architekten und Ingenieure, Chemiker, Aerzte, auch Lehrer, dazu tüchtige 


Betriebsleiter, Modelleure, Techniker wandern ſchaarenweiſe aus. Die Thatſache 


erklärt ſich aus einem bedauerlichen Geiſteshochmut. Dieſe Leute bilden ſich ein, 


etwas Beſſeres zu ſein, und können es nicht ertragen, daß ſie gleichen Lohn mit 
dem einfachen ehrlichen Arbeiter erhalten. Aber ſchon Bebel ſchrieb mit Recht: 
„Was immer einer iſt, das hat die Geſellſchaft aus ihm gemacht. Die Ideen find 
ein Produkt, das durch den Zeitgeiſt im Kopf des einzelnen erzeugt wird.“ Freilich 
der Zeitgeiſt war in der früheren Geſellſchaft lange in die Irre gegangen. Daher 
folder Größenwahn. | ö ö 

Aber tft erft die Jugend in unſeren ſozialdemokratiſchen Erziehungsanſtalten 


herangebildet und hat ſich dort von einem edeln Ehrgeiz durchdringen laſſen, alle 


Kräfte dem Gemeinweſen zu widmen, ſo werden wir auch jene Ariſtokraten miſſen 


können. Bis dahin aber iſt es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, in Deutſch⸗ 


land zu bleiben. N 


Man kann es daher nur billigen, daß das Auswanderungsverbot mit Strenge 
gehandhabt wird. Dazu iſt eine ſcharfe Beſetzung der Grenzen, namentlich der 
Seeküſten und der Landgrenzen gegen die Schweiz erforderlich. Das ſtehende 
Heer wird dazu weiterhin um viele Bataillone Infanterie und Eskadrons Kavallerie 
vermehrt werden. Die Grenzpakrouillen find angewieſen, gegen Flüchtige von der 
Schußwaffe rückſichtslos Gebrauch zu machen. — Möge unſer ſchneidiger Reichs⸗ 
kanzler uns noch lange erhalten bleiben. ’ 


" 16. Kanzkerwechſel. | 
Mein heißer Wunſch iſt nicht in Erfüllung gegangen. Der Kanzler iſt aus 


dem Amt geſchieden und der bisherige Reichstagspräſident zu ſeinem Nachfolger 
gewählt. Das Staatsminiſterium, welches auch eine teilweiſe Erneuerung erfuhr, 


hat in ſeiner Geſamtheit ſich nicht entſchließen können, dem Reichskanzler eine Diener⸗ 


ſchaft. zu feiner perſönlichen Bequemlichkeit in feinem Privatleben auf eigene Ver⸗ 


antwortung zur Verfügung zu ſtellen, weil die Folgen einer ſolchen Verletzung der 


ſozialen Gleichheit unabſehbar ſein würden. Wie leicht kann der ganze ſoziale Ban 


wieder zuſammenſtürzen, wenn in ſeiner folgerechten Gliederung auch nur ein einziger 


Stein gelockert wird. Schon Bebel ſchrieb in ſeinen Betrachtungen über dieſe 


Stiefelwichsfrage: „Arbeit ſchändet nicht, auch wenn fie im Stiefelputzen beitebt. - 


Das hat ſogar ſchon mancher altadlige Offizier in Amerika kennen gelernt.“ Die 
Regierung war allerdings geneigt, den von Bebel gegebenen Fingerzeig zur Löſung 


dieſer Schwierigkeiten zu beachten und eine erhöhte Aufmerkſamkeit der Frage zuzu⸗ 


wenden, wie das Stiefelwichſen und Kleiderreinigen durch Maſchinen ausgeführt 
werden könne. Aber auf dieſe Ausſicht der Bedienung durch Maſchinen wollte ſich 
der Reichskanzler nicht einlaſſen. | ' 


So iſt er denn gegangen. Sein vom geſetzgebenden Ausſchuß gewählter 


Nachfolger gilt als eine weniger ſchneidige, und mehr vermittelnde Natur, als ein 
Mann, der es nach keiner Seite gern verderben, und möglichſt allen Wünſchen 
gerecht werden will. 


In etwas gar zu demonſtrativer Weiſe erſchien der Nachſolger des Reichl⸗ 


kanzlers heute in der Küche ſeines Bezirks, ſpeiſte in der Reihenfolge ſeiner Nummer 


und ſpazierte zu Fuß Unter den Linden, ein großes Packet mit Kleidungsſtücken 


unter dem Arp, welches er in die Reparaturanſtalt des Stadtteils zum Reinigen 


und Ansbeſſern überbrachte. 


2 


17. Aus den Werkflätten. 

Ich bin froh, heute den Kontrolleurpoſten, welchen mir mein Freund in 
der Magiſtratsdeputation ſchon lange verſprochen, erhalten zu haben. Ich brauche 
alſo nicht länger als Buchbinder in der Werkſtatt thätig zu ſein. Wenn doch mein 
Franz in Leipzig auch loskommen könnte von ſeinem Setzerpult. Nicht daß wir 
unſere Berufsarbeit verachteten, aber es geht meinem Sohn wie mir. Die Art, 
wie es in den Werkſtätten jetzt zugeht, paßt uns ganz und gar. nicht. Man arbeitet 
doch nicht bloß um das bischen Leben. Schiller war zwar auch ein Bourge ois, 
aber gefallen hat mir immer ſein Spruch: 

Das iſt es, was den Menſchen zieret, 

Und dazu ward ihm der Verſtand, 

Daß er im innern Herzen ſpüret, 

' Was er erſchafft mit feiner Hand. 

Leider Ipüren unſere Kollegen in der Werkſtatt kaum davon noch etwas. Man 
ſollte faſt meinen, die Werkſtätten ſeien jetzt nur Lokale, um die Zeit totzuſchlagen. 
Die Parole lautet: Immer langſam voran, damit der Nebenmann mitkommen kann. 
Akkordarbeit giebt es nicht mehr. Sie vertrug ſich allerdings nicht mit der ſozialen 
Gleichheit der Löhne und der Arbeitszeit. Aber bei dem „gewiſſen Gelde“, jo 
ſchreibt Franz, heißt es jetzt: Rommt die Arbeit heute nicht, jo kommt fie morgen 
zu Stande. Fleiß und Eifer gilt für Dummheit und Bornirtheit. Wozu auch? 
Der Fleißige bringt es ja auch nicht weiter im Leben als der Träge. Man iſt 
ſelbſt nicht mehr ſeines Glückes Schmied, ſondern wird angeſchmiedet, wo es andern 
gerade paßt. — Alſo mein Franz. Diesmal hat er weniger Unrecht als ſonſt. 

Es iſt nicht zu beſchreiben, wie viel jetzt an Material und Gerätſchaften durch 
Unaufmerkſamkeit und Nachläſſigkeit verdorben wird. Ich weiß nicht, was ich ge» 
than hätte, wenn ich mich als Meiſter früher mit ſolchen Geſellen, wie ſie jetzt 
neben mir arbeiten, hätte herumplagen ſollen. Als es einmal wieder gar zu arg 
war, riß mir doch der Geduldsfaden und ich hielt eine Standrede, die nicht ſchlecht war. 

Kollegen, die Geſellſchaft erwartet, daß jedermann ſeine Schuldigkeit thut! Wir haben 
jetzt nur acht Stunden zu arbeiten. Ihr ſeid alte Sozialdemokraten. Unſer Bebel hoffte einſt, 
eine „moraliſche Atmoſphäre“ werde in der neuen Ordnung jeden anregen, es dem andern 
zuvorzuthun. Bedenkt, Genoſſen, wir arbeiten nicht mehr für Ausbeuter und Kapitaliſten, 
landen für die Geſellſchaft. Alles kommt durch die Geſellſchaft jedem von uns wieder 
zu gu N 

Schön gepredigt, ſo höhnte man mich; ſchade, daß wir keinen Paſtor mehr 
brauchen. Bebel hat uns einen vierſtündigen Arbeitstag verſprochen und nicht einen 
achtſtündigen. Die Geſellſchaft iſt groß. Soll ich mich für die 50 Millionen Geſell⸗ 
ſchaft plagen und ſchinden, während die übrigen 49 999 999 nicht ſolche Narren find? 
Was kaufe ich mir für das 1 /50000000, wenn ich es wirklich aus dem Mehrertrag 
meiner Arbeit zurüdbeläme? 
| Dann fangen fie im Chor: Wenn dir die Geſellſchaft nicht mehr paßt, ſuch' 
dir eine andere, wenn du eine haſt. 

Seitdem habe ich natürlich keinen Ton mehr geredet. Franz iſt es leider ähnlich 
ergan gen. Die Zeitung dort wird ſelten zur richtigen Stunde fertig, obwohl um 
die Hälfte Setzer mehr als früher an einem Bogen arbeiten. Je ſpäter der Abend. 
deſto mehr Fäßchen Bier find während der Arbeit ſchon vertrunken, und deſte 
zahl reicher werden die Druckfehler. | 
Als Franz neulich den erkrankten Metteur vertrat und um etwas mehr Ruhe 
in der Werkſtatt höflichſt bat, ſtimmte das ganze Perſonal die Marſeillaiſe an unter 
beſon ders ſtarker Betonung der Worte: Nieder mit der Tyrannei! . 

Meiſter und Vorarbeiter giebt es ja wie früher in den Werkftätten, aber fie 
werden von den Arbeitern gewählt und wieder abgeſetzt, wenn ſie den Untergebenen 
nicht mehr genehm find. Sie dürfen es daher mit den Tonangebern und mit der 
Mehrheit nicht verderben. Der einzelne, der wie Franz und ich ſolche Zucht nicht 


» 
— 23 — 


9 
mitmacht, iſt ſchlimm darag. Ihn malträtiren bald die Kollegen, bald die Meiſter. 
Und dabei kann man jo wenig aus ſolcher Werkſtatt heraus, wie der Soldat aus 
der Korporalichaft, in der ihn ſein Unteroffizier mißhandelt. 6 

Der frühere Reichskanzler hat das wohl begriffen, aber er hat es nicht ändern 
können. Das unter feiner Mitwirkung erlaſſene Strafgeſetz gegen Verletzung der 
Arbeitspflicht tft in jeder Werkſtatt angeſchlagen, ſoweit es nicht abgeriſſen iſt. Darin 
iſt für Trägheit, Unachtſamkeit, Jahrläſſigkeit, Unfolgſamkeit, Ungebühr gegen Vor⸗ 
geſetzte ein ganzes Regiſter von Strafen angedroht. Die Entziehung der Geld⸗ 
certifikate, der Fleiſchportionen, ſogar der ganzen Mittagsmahlzeit, ſelbſt Einſperrung 
um Arbeitshauſe. Aber wo kein Klüger iſt, iſt kein Richter. 

Die Direktoren der Werkſtätten werden ebenfalls gewählt wie die Meiſter 
und dürfen es daher auch nicht mit ihren Wählern verderben. Die Aburteilung 
in Prozeßweg auf Grund des Strafgeſetzes iſt umſtändlich. Es find allerdings 
neulich einige Maurer aus dem Publikum denunzirt worden, weil fie gar zu lange 
Pauſen machten und ſich die einzelnen Steine bei der Arbeit gar zu genau be⸗ 
ſahen. Einmal iſt von oben herunter das Perſonal einer ganzen Werkſtatt an 
einen andern Ort verſetzt worden. In der Regel aber erfolgen Verſetzungen nur 
aus politiſchen Gründen. Deshalb verlangt auch die Partei der Jungen jetzt, daß 
die Unverſetzbarkeit der Richter auch für alle Arbeiter eingeführt werden ſoll. 

Indeſſen auch die Verſetzung hilft nicht überall. Jeder findet ja — das 
verlangt die ſoziale Gleichheit — auch in jedem andern Ort denſelben Lohn, dieſelbe 
Nahrung und Wohnung wieder, welche er verlaſſen hat. Für manche jugendlichen 
Radaumacher iſt der Ortswechſel eine angenehme Abwechſelung.. Nur die Alten, 
welche ſich nicht gern von ihren Frouen und Kindern am Ort trennen, leiden darunter. 

Diooch auch Nom tft nicht an einem einzigen Tage erbaut worden. Dieſer 
»@eift der Selbſtſucht in den Werkſtäkten, was iſt er anders als die böſe Hinter⸗ 
laſſenſchaft einer Geſellſchaft, in welcher jeder den andern zu übervorteilen ſuchte. 
Unſere neuen Schulen und Erziehungsanſtalten werden bald diejenige „moraliſche 
Atmoſphäre“ ſchaffen, in der der Baum der Sozialdemokratie ein fröhliches, die 
geſamte Menſchheit überſchattendes. und beglückendes Gedeihen findet. 


18. Jamilienſorgen. 

Das war ein Sonntag nicht wie ehedem. Endlich war es meiner Frau heute 
Nachmittag vergönnt geweſen, Annie zu beſuchen. Die Ordnung in den en An⸗ 
ſtalten geſtattet den Eltern nur Beſuche in einer gewiſſen Reihenfolg e hatte 
ſich meine Frau das Wiederſehen mit dem Kinde ausgemalt! Näſchereien und 
allerlei Spielzeug, wie es Annie ſtets liebte, wurden ſorgfältig eingepackt und mit⸗ 
genommen. Aber zu ihrem großen Schmerz mußte Mutter die Sachen am Eingang 
zurücklaſſen. Beſonderes Spielzeug dürften einzelne Kinder nicht haben, ſolches 
Bertrage ſich nicht mit der Erziehung im Sinne der jozialen Gleichheit. Mit Kuchen 
ſei es nicht anders. Das gebe nur Veranlaſſung zu Zank und Streit und ſtöre die 
regelmäßige Ordnung und Ernährung in der Anſtalt. Meine Frau hatte von 
dieſer neuen Verfügung noch keine Kenntnis, da fie in ihrer Anſtalt neuerlich in 
der Küche und nicht bei den Kindern thätig ii. | 
Auch die Freude des Wiederſehens hatte ſich meine gute Frau von Seiten 
Annies ſtürmiſcher, lebhafter und zärtlicher vorgeſtellt. Das Kind war in der neuen 
Umgebung zur Mutter weniger zutraulich als ſonſt. Allzu lange freilich hat die 
Trennung noch nicht beſtanden. Aber bei kleinen Kindern heißt es nun einmal: 
Aus den Augen, aus dem Sinn. Dazu war bei Annie unglücklicherweiſe der Ge⸗ 
danke an das Wiederſehen der Mutter ſtets mit der Vorſtellung des Mitbringeus 
von Süßigkeiten und. Spielſuchen verknüpft worden. Nun kam meine Frau mit 
leeren Händen zu dem Rinde. Zur Fortſetzung des Spiels mit den andern Kleinen 
gg es Annie mindeſtens ebenſe hin, wie zu den Liebkoſungen der Mutter. 

Meine Frau fand Annie etwas blaß ausſehend und veründert. Vielleicht bat 


4 
— 22 — 


wur die veränderte Lebensweiſe und die andere Ernährungsweiſe daran ſchuld. 
Strenge Ordnung herrſcht in der Anſtalt. Aber es geht” wie es überall in unſern 
ut at der Fall ſein ſoll, noch etwas knapp zu, und der Großbetrieb geſtattet 
keine allzu ſorgſame Behandlung des Einzelnen. Indeß das Ausſehen der Kinder 
weründert ſich ja oft ſehr raſch. Wäre Annie noch bei uns, fo würde es die erfahrene 
Mutter nicht beunruhigen. In der Abweſenheit iſt es frellich anders. Da malt ſich 
die Mutter leicht eine entſtehende Krankheit aus, der ſie nicht entgegenwirken kann. 

In beſondere Erregung verſetzte meine Frau noch ein Geſpräch mit einer 
Kindergärtnerin der Anſtalt. Dieſelbe ſchnitt die Klagen meiner Frau über die 
Trennung der kleinen Kinder von den Eltern barſch mit den Worten ab: Solchen 
Jammer hören wir nun alle Tage hier. Sogar das unvernünftige Vieh verwindet 
es bald, wenn man ihm ſein Junges nimmt. Wie viel leichter ſollten ſich Frauen 
darin finden, die zu den denkenden Weſen gehören. - 

Meine Frau wollte ſich über die Rohheit dieſer Dame bei der Direktion 
beſchweren. Ich riet ihr ab, weil die Perſon es dann Annie entgelten laſſen würde. 
Die Dame hat nie ein Kind gehabt und kann auch jetzt keinen Mann bekommen, 
obgleich ſie von der neuen Gleichberechtigung der Frauen wiederholt dahin Gebrauch 
gemacht haben ſoll, ihrerſeits Heiratsanträge zu ſtellen. 

Meine Frau war von dem weiten Weg von der Anſtalt noch nicht zurück⸗ 
hrt, als Großvater ankam. Der alte Mann hatte ſich mühſam die ſteilen 
nkeln Treppen zu unſerer neuen Wohnung heraufgefunden. Es war mir doch 

lieb, daß meine Frau nicht anweſend war, denn ihres Vaters Klagen hätten ihr 
das Herz noch ſchwerer gemacht. 

Es waren ja freilich nur Aeußerlichkeiten und Nebendinge über die er klagte. 
Aber alte Leute hängen nun einmal an ſolchen kleinen Gewohnheiten, wie ſie hier 
etwas rauh durchbrochen worden find. Auch mit der Geſundheit, jo meinte, 
Großvater, gehe es ihm ſchlechter. Hier und dort ſchmerzt, zwickt und ſticht es 
ihn. Aeußerlich nahm ich keine Veränderung wahr, aber Großvater hat jetzt mehr 
Zeit, über fich ſelbſt nachzudenken, als früher, wo ihn in unſerem Familienkreiſe 
bald dies, bald jenes abzog. Gern war er auch früher bei mir in der Werkſtatt 
und ſuchte ſich nützlich zu machen. Was er arbeitete, wollte ja nicht viel bedeuten, 
aber es beſchäftigte ihn doch. Für alte Leute iſt das Nichtsthun keine Wohlthat, 
denn eine auch noch ſo leichte Arbeit erhält ihr Lebensintereſſe aufrecht, verknüpft 
fie mit der Gegenwart, bewahrt fie vor raſchem körperlichen und geiſtigen Verfall 

Ich konnte den alten Mann, der ſich in unſerer kleinen Wohnung über 
die fehlenden alten Möbel ſehr erregt zeigte, nicht allein in ſeine Anſtalt zurück⸗ 
gehen laſſen. » 

Unglücklicherweiſe hat, während ich Großvater begleitete und meine Frau 
noch nicht zurückgekehrt war, unſer Ernſt uns beſuchen wollen. Er iſt vor die 
verſchloſſene Thür gekommen. Wie er einem Nachbarsſohn und früheren Geſpiel 
erzählte, hat ihn unbezwingliches Heimweh während einer freien Stunde zum Beſuch 
der Eltern getrieben. Er kann auch jetzt noch ganz und gar nicht in die Anſtalt 
ſich ſchicken. Das ewige Leſen, Schreiben und Auswendiglernen, kurzum das 
Studiren, gefällt ihm nun einmal nicht. Er will Handwerker werden und nur 
lernen, was darauf Bezug hat. Ich bin überzeugt, er würde auch ein tüchtiger 
Handwerker werden. Unſer Unterrichtsminiſter aber iſt mit' Bebel der Anſicht, daß 
alle Menſchen mit dem nahezu gleichen Verſtande geboren werden. und deshalb 
fol allen, bis mit dem 18. Lebensjahr die Fachbildung beginnt, eine gleichmäßige 

eiſtige Ausbildung zu Teil werden als notwendige Grundlage für die ſpätere 


ziale Gleichheit. 
19. Bolksbeluftigungen. 


Auf allen öffentli lägen Berlins finden jetzt Muſika 8 
Der — Reichstaler Lerſeht cb ans dem Grunde, sich bellt in Wochen ve 


jedem Theater find täglich zwei unentgeltliche Vorſtellungen, Sonntags deren drei. 
Natürlich find auch die von den Bourgeois dem arbeitenden Volk hinterlaſſenen 
Theater viel zu beſchränkt. Andere größere Verſammlungslokale find deshalb zur 
Beranftaltung von Volksbeluſtigungen hinzugenommen worden, 4 B. Kirchen. An 
letzteren ſtößt ſich allerdings noch dieſer und jener, der von den anerzogenen Vor⸗ 
urteilen ſich nicht loszulöſen vermag. Grund und Boden der Kirchen aber iſt 
Gemeingut geworden und Gemeingut darf laut Staatsgrundgeſetz, wie es ſchon 
durch den Erfurter Parteitag im Ottober 1891 vorgeſchrieben war, nicht zu 
kirchlichen und religiöſen Zwecken verwendet werden. ö 

Zur Aufführung gelangen in allen Theatern natürlich nur Stücke, welche 
die neue Ordnung verherrlichen und die Niederträchtigkeit der früheren Ausbeuter 
und Kapitaliſten in lebendige Erinnerung zurückrufen. Das iſt zwar auf die Dauer 
etwas einförmig, aber es ſtärkt doch die Geſinnungstüchtigkeit, was hier und da 
allerdings recht notwendig iſt. 

Anfangs war jedem freigeſtellt, wo und wie er ein Theater beſuchen wollte. 
Indeß iſt die wilde Konkurrenz auch hier durch zielbewußte Organiſation der Volks⸗ 
beluſtigungen erſetzt worden. Aufführungen klaſſiſcher ſozialdemokratiſcher Stücke 
fanden vor leeren Bänken ſtatt, während in Spezialitätentheatern kein Apfel zur 
Erbe fallen konnte. Faſt ſchlug man ſich dort um die beſſeren Plätze. Jetzt 
verteilt der Magiſtrat die Vorſtellungen in einer gewiſſen Reihenfolge auf die 
einzelnen Stadtteile und Straßen. Die Theaterdirektoren aber verloſen die 
einzelnen Plätze unter das ihnen für die betreffende Vorſtellung zugewieſene Publikum, 
wie es ſchon 1889 die ſozialdemokratiſche Freie Volksbühne in Berlin eingeführt hat. 


Aber Glück in der Liebe, Unglück im Spiel! Dieſe Erfahrung haben wir 
auch hierbei gemacht. Meine Frau und ich haben jetzt breimal hintereinander ſo 
ſchlechte Plätze erloſt, daß meine Frau nichts hören und ich nichts ſehen konnte. 
Sie iſt nämlich etwas ſchwerhörig, während ich kurzſichtig bin. Beides verträgt 
ſich im Theater nicht recht mit der ſozialen Gleichheit. 

Auch zahlreiche öffentliche Tanzbeluſtigungen finden auf Veranſtaltung des 
Magiſtrats allabendlich ſtatt. Der Zutritt hierzu regelt ſich in derſelben Weiſe 
wie bei den Theatervorſtellungen. Jung und Alt iſt gleichmäßig berechtigt, zu 
erſcheinen. Die Reform der Tanzordnung bok vom ſozialiſtiſchen Standpunkt einige 
Schwierigkeiten. Die Gleichberechtigung der Frau kommt jetzt zum Ausdruck da⸗ 
durch, daß Damentouren fortwährend mit den Herrentouren abwechſeln. Allerdings 
ſagt Bebel: Die Frau freit und läßt ſich freien. Aber der Verſuch, unter ſinn⸗ 
gemäßer Anwendung dieſes Grundſatzes beiden Geſchlechtern bei jedem Tanz die 
Aufforderung zu geſtatten, mußte bald aufgegeben werden, weil dadurch die Tanz⸗ 
ordnung ſich in eine etwas tumultuariſche Verwirrung aufzulöſen drohte. 


Der „Vorwärts“ enthielt eine Reihe von intereſſanten Eingeſandts, welche 
ebenſo gründlich wie jcharfiinnig die Frage erörtern, ob es in der ſozialifirten 
Geſellſchaft beim Tanzen auch ein Recht auf Herren bezw. für die Herren ein Recht 
auf Damen gebe. Aus der gleichen Arbeitspflicht, fo ſchrieb eine Dame im „Vor⸗ 
wärts“, folgt ein Recht auf gleichen Lohn. Zum Lohn für die Arbeit gehört auch 
das von Staatswegen organiſtrte Tanzvergnügen. Ein regelrechtes Tanzvergnügen 
iſt für eine Dame nur denkbar mit einem Herrn, und daß es für die Herren kein 
Vergnügen ohne Damen giebt, ſei noch ſelbſtverſtändlicher. | 

Von Seiten der ehrwürdigen Einſenderin wurde deshalb im „Vorwärts“ der 
praktiſche Vorſchlag gemacht, für jedes Tanzvergnügen Herren und Damen durch 
das Los unter voller Wahrung der ſozialen Gleichheit von Jung und Alt, Hübſch 
und Häßlich einander zuzuteilen. Ebenſo wie es in der ſozialiſirten Geſellſchaft 
keine Arbeitsloſen und keine Obdachloſen giebt, dürfe es auch keine herrenloſe Damen 
bei Tanzvergnügungen mehr geben. 

Indeß legte in einem neuen Eingeſandt ein Profeſſor des modernen Natur 
rechts dar, daß aus einer ſolchen Organiſirung der Tanzverbindungen zuletzt bebenk⸗ 


liche Schlußfolgerungen gezogen werden könnten auch auf die Anerkennung eines 
Rechts auf Eheſchließungen bezw. auf eine ſtaatliche Regelung der Eheſchließungen 
durch eine allgemeine Berloſung von Damen und Herren. Aber ebenſo wie die Ehe 
ein Privatvertrag ſei ohne Dazwiſchenkunft irgend eines Funktionärs, müſſe auch 
einer momentanen Tanzverbindung von Mann und Frau der Charakter eines Privat⸗ 
dertrages gewahrt bleiben, und dürften deshalb auch Tanzordner ſich nicht in die 
Engagementsverhältniſſe, weder durch Verloſung noch ſonſtwie, einmiſchen. 
Es ſoll in der That eine erhebliche Anzahl von Damen der Anſicht ſein, die 
ſoziale Gleichheit bedinge auch die Aufhebung der Unterſchiede von Verheirateten 
und Unverheirateten. Dieſe Damen haben ſich neuerlich der Partei der Jungen an⸗ 
eſchloſſen, obwohl ſie ſelbſt zumeiſt ſchon in etwas reiferem Lebensalter ſtehen. 
mmerhin iſt nach der Ausdehnung des Wahlrechts auf weibliche Perſonen auch 
dadurch die Oppoſition für die nächſten Reichstagswahlen nicht unerheblich verſtärkt 
worden. 

Der neue Reichskanzler hat auch die Vorbereitung allgemeiner Neuwahlen 
um Reichstag eingeleitet. Die Fülle von Anforderungen an die Staatsleitung, welche 
ie erſten Einrichtungen des ſozialdemokratiſchen Staates mit ſich brachten, geſtatteten 

nicht früher die Vornahme von Wahlen. Das aktive und paſſive Wahlrecht ſtebt 
allen Perſonen ohne Unterſchied des Geſchlechts zu, welche das 20. Lebensjahr zurück⸗ 
gelegt haben. Nach den Beſchlüſſen des Erfurter Parteitages aus dem Oktober 1891 
gilt fortan das Proportionalwahlſyſtem, d. h. es werden ſehr große Wahlkreiſe ge⸗ 
bildet mit mehreren Abgeordneten und jeder Partei wird eine ihrer Stimmenzahl 
entſprechende Zahl von Abgeordneten für den Reichstag zugetheilt. 


20. Heble Erfahrungen. 0 

Frau und Schwiegertochter ſitzen bis tief in die Nacht hinein, um heimlich zu 
ſchneidern. Es gilt einem neuen Anzuge für Agnes. 

Als Kontroleur müßte ich eigentlich beide zur ſtrafrechtlichen Verfolgung an⸗ 
zeigen wegen Ueberproduktion durch Ueberſchreiten des Maximalarbeitstages. Indeß 
gehören beide nicht zu den 50 Perſonen, welche mir als Kontrollſektion unterſtellt ſind. 

Die beiden Frauensleute ſind diesmal noch redſeliger als ſonſt bei ſolchen 
Schneiderarbeiten. Verſtehe ich es recht, ſo haben ſie in den Verkaufsmagazinen 
nicht Yefunden, was fie ſuchten, und machen nun aus andern Kleidern etwas zu⸗ 
recht. Beide ſchelten um die Wette über die neuen Verkaufsmagazine. Schaufenſter, 
Reklamen, Verſendung von Preisliſten, Alles hat aufgehört. Man weiß gar nicht 
mehr Beſcheid, ſo klagen ſie, was es an neuen Sachen zu kaufen giebt und wie die 
Preiſe ſich ſtellen. Die vom Staat angeſtellten Verkäufer ſind ſo kurz angebunden, 
wie die Beamten am Eiſenbahnſchalter. Die Konkurrenz der Läden unter einander 
dat natürlich aufgehört. Jeder iſt für beſtimmte Bedürfniſſe auf ein beſtimmtes 
Verkaufsmagazin angewieſen. So verlangt es die Organiſation von Produktion 
und Konſumtion. 

Ob man was kauft, iſt natürlich dem Verkäufer völlig gleichgiltig. Mancher 
Verkäufer ſchaut ſchon mürriſch drein, wenn die Ladenthür aufgeht und der Ver⸗ 
käufer dadurch vielleicht in einer intereſſanten Lektüre oder Unterhaltung unter⸗ 
brochen wird. Je mehr man zur Auswahl vorgelegt verlangt, je mehr man Aus⸗ 
kunft wünſcht über Beſchaffenheit und Dauerhaftigkeit des Stoffes, deſto verdroſſener 
zeigt ſich der Verkäufer. Ehe er aus einem andern Raum des Magazins das Ver⸗ 
langte hervorholt, leugnet er lieber das Vorhan denſein eines Vorrates von dem 
Gewünſchten. , | 

Verlangt man fertige Kleider — das Kleidermachen außerhalb des Martmal- 
arbeitstages iſt auch für den eigenen Gebrauch unterſagt — ſo iſt man erſt recht 
übel daran. Es geht beim Anprobieren zu, wie bei Rekruten in der Montirungs⸗ 
kammer. Die ausgeſuchte Nummer ſoll durchaus zu dem Körper paſſen. it etwas 
auf Beſtellung gearbeitet und erweiſt ſich beim Anprobiren hier zu eng, dort zu 


— 27 _ 
weit, fo bedarf es großer Beredſamkeit, den Verkäufer hiervon zu überzeugen. Oe⸗ 
lingt das uicht, ſo muß man entweder den Anzug nehmen, fo wie er guögefallen 
iſt, oder gegen die betreffende Staatsbehörde Prozeß führen. 

Prozeß führen tft allerdings jetzt ſehr billig. Wie ſchon der Erfurter Partei⸗ 
tag im Ottober 1891 dekretirt hat, tft die Rechtspflege und Rechtshilfe unentgeltlich. 
Die Zahl der Richter und Rechtsanwälte hat in Folge deſſen gegen früher verzehn⸗ 
facht werden müfjen. Aber dies reicht noch immer nicht, da die Klagen über Mängel 
und Fehler der in den Staatswerkſtätten gelieferten Waren, über ſchlechte Be⸗ 
ſchaffenheit der Wohnungen und des Eſſens, über Ungehörigkeiten der Verkäufer 
und ſonſtiger Bedienſteten ſo zahlreich ſind, wie Sand am Meere. 

Auch in achtſtündigen Sitzungen vermögen die Gerichte den Terminkalender 
nicht inne zu halten, obwohl die Rechtsanwälte nichts weniger, als darauf aus find, 
Prozeſſe zu verſchleppen. Im Gegenteil, man klagt darüber, daß ſie nach Aufhebung 
der Gebühren und ſeit ihrer Anſtellung als Staatsbeamte ihre Klienten kaum an⸗ 
hören und Alleß möglichſt ſummariſch und im Ramſch abzumachen ſuchen. Viele, 
die nicht im Prozeßführen eine Art von anregender Unterhaltung ſuchen, nehmen 
daber trotz der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtshilfe lieber jedes Unrecht ge⸗ 
duldig hin, um ſich Laufereien, Zeitverluſt und Berger zu eripuren. 

et and iſt es, wie die Eigentumsvergehen zunehmen, trotzdem Gold und 
Silber verſchwunden iſt. In meiner Eigenſchaft als Kontroleur gewahre ich jetzt 
hinter den Kuliſſen ſo Manches, was ſich bisher meinen Blicken entzog. Die Zahl 
der Unterſchlagungen hat ſich gegen früher verſiebenfacht. Angeſtellte jeder Art ver⸗ 
abfolgen gegen irgend eine private Zuwendung oder Dienſtleiſtung zum Nachteil des 
Staates Waren, oder üben den ihnen berufsmäßig obliegenden Dienſt aus, ohne in 
dem Geldcertifikat des Empfängers in vorgeſchriebener Weile einen dem Wert ent» 
ſprechenden Kupon loszutrennen und zur Buchhalterei abzuführen. Durch unrichtiges 
Maß oder durch Verfälſchung der Ware beim Verkauf ſucht man das Fehlende, was 
nicht durch Lentſprechende Kupons nachgewieſen werden kann, wieder auszugleichen. 

Auch Diebſtähle von Geldeertifikaten kommen vielfach vor.. Die aufgedruckten 
Photographien haben im Maſſenverkehr die Benutzung der Geldcertifikate durch 
dritte Perſonen nicht zu verhindern vermocht. Das Zuſichern und Gewähren von 
Geſchenken aller Art an Perſonen, welche durch Anſtellungen und Vergebung be» 
quemer Arbeit und dergleichen Einfluß ausüben, greift bis in die höchſten Beamten⸗ 
kreiſe hinauf Platz. In jeder Konferenz mit unſetm Oberkontroleur wird im 
Intereſſe der Kontrole auf neue Praktiken ſolcher Art aufmerkſam gemacht. 

Bisher hatte ich mich ſtets auf Beſſerung vertröſtet nuch Ueberwindung der 
Uebergangsverhältniſſe. Aber ich kann es mir nicht verhehlen, die Dinge geſtalten 
ſich zuſehends immer ſchlechter. Einer meiner Kollegen wollte ſich dies heute, wie 
folgt, erklären. Seitdem die Leute nicht mehr im Stande find, durch perſönliche 
Anſtrengung in geſetzlicher Weiſe ſich eine Beſſerung ihrer Lebensverhältniſſe über 
das vorgeſchriebene gleiche Maß hinaus zu verſchaffen, geht ihr ganzes Dichten und 
Trachten dahin, in ungeſetzlicher Weiſe ſich dasjenige zu verſchaffen, was ihnen ſonſt 
unerreichbar iſt 


| 21. Die Flucht. 

Schreckliche Tage haben wir erlebt. Am Sonntag früh kam Franz plötzlich 
an auf der Durchreiſe nach Stettin, wohin er, wie er angab, verſetzt worden ſei. 
Meine Frau zeigte ſich über die Ankunft garnicht verwundert, deſto aufgeregter war 
fie bet feiner Abreiſe“ Sie ſchluchzte laut auf, hing an feinem Halſe und konnte 
ſich garnicht von ihrem Sohne trennen. Auch Franz verabſchiedete ſich von mir, als 
gelte es einen Abſchied auf Nimmerwiederſehen. Agnes, Franzens Braut, habe ich 
nicht geſehen. Beide wollten au dem Stettiner Bahnhof zuſammentreffen. 

Mittwoch las ich meiner Frau aus dem „Vorwärts“ mit gleichgiltiger Stimme 
eine Nachricht vor, daß an der Seeküſte wieder flüchtige Auswanderer von den 


2 


Grenzpatronillen niedergeſchoſſen find, meine Frau ruft entſetzt aus: „Wo denn?“ 
Als ich ihr antwortete: „Auf der Rhede von Saßnitz“, fiel fie ohnmächtig zurück 
Mit Mühe gelang es mir, ſie allmählich wieder zum Bewußtſein zu bringen. In 
abgeriſſenen Worten erzählte fie mir, daß Franz und Agnes am Sonntag. zuſammen 
abgereiſt find, und nicht nach Stettin, ſondern nuch Saßnitz auf Rügen, um von 
dort aus Deutſchland zu verlaſſen. In dem Zeitungsartikel war noch näher aus⸗ 

führt, daß flüchtige Auswanderer Widerſtand geleiſtet hätten, als das von Stettin 

mmende däniſche Poſtſchiff beim Anlegen in Saßnitz von der Grenzwache viſitirt wurde, 
und die flüchtigen Auswanderer mit Gewalt auf's Land zurückgeführt werden ſollten. 


Furchtbare Stunden, geteilt zwiſchen Kummer und Angſt, brachten wir zu, 
bis eine neue Nummer des „Vorwärts“ die Namen der Getöteten und Verhafteten 
veröffentlichte und ſich Franz und Agnes nicht auf dieſer Lifte befanden. Aber 

was war aus ihnen geworden? 

N Meine Frau geſtand mir nun ein, was alles vorhergegangen war. Franz 
hatte ſchon vor ſeiner Abreiſe nach Berlin bei der letzten Gebyrtstagsfeier von 
Mutter dieſer ſeine feſte Abſicht mitgeteilt, Deutſchland, deſſen Zuſtände ihm uner⸗ 
träglich ſeien, ſobald wie möglich zu verlaſſen. Er bat ſeine Mutter inſtändigſt, mir, 
von deſſen geſetzlichem Sinn er Widerſtand befürchtete, keine Silbe darüber mitzuteilen. 
Vergeblich hat meine Frau ihm die Sache auszureden verſucht, er blieb bei ſeinem 
Entſchluß, und das Mutterherz konnte den Vorſtellungen des Sohnes nicht mehr 
widerſtehen. Aus früherer Zeit hatte ſich meine Frau eine Anzahl Goldſtücke erſpart 
und auch vor mir verborgen gehalten. Dieſes Geld übergab ſie Franz zur Beſtreitung 
: ber Ueberfahrtskoſten auf einem ausländiſchen Schiff. 


Damals widerſtrebte noch Agnes. Sie war bereit, wenn es ſein mußte, Franz 
bis an das Ende der Welt zu folgen, wie ſie ſagte, aber ſie vermochte die Not⸗ 
wendigkeit, ſich von allen anderen Lieben hier zu trennen, noch nicht einzuſehen. 
Bald aber geſtalteten ſich ihre eigenen Verhältniſſe, was ich alles jetzt grit erfahre, 
immer widerwärtiger. 

Still und ſittſam hatte das junge Mädchen für ſich in der elterlichen Wohnung 
Putzarbeiten hergeſtellt und an ein großes Geſchäft abgeliefert. Nun aber mußte 
Agnes in einer großen Näherei arbeiten und in einem großen gemeinſchaftlichen 
Arbeitsſaale mit Frauensperſonen von teilweiſe recht leichten Sitten tagsüber 
zuſammen ſein. Ihre keuſche, Jungfräulichkeit empörte ſich über die Art mancher 
Geſpräche und über die Umgangsformen gegenüber den männlichen Betriebsleitern 
Klagen und Beſchwerden machten die Sache nur noch ſchlimmer. Bei ihrer hübſchen 
Erſcheinung wurde ſie bald der Gegenſtand unausgeſetzter Nachſtellungen ſeitens 
eines der Betriebsleiter. Schroffe Zurückweiſungen ſuchte derſelbe durch Chikanen 
aller Art im Arbeitsverhältnis zu rächen. — Aehnliches mag ja auch früher in 
ſolchen Verhältniſſen vorgekommen ſein. Aber damals war wenigſtens eine Rettung 
durch einen Wechſel der Arbeitsſtätte möglich. Heute aber betrachten manche 
Betriebsleiter die Arbeiterinnen faſt wie wehrlos ihnen überlieferte Sklavinnen. Die 
höheren Beamten haben davon Kenntnis, aber ſie ſelbſt treiben es vielfach nicht 
beſſer in ſolcher Ausnutzung ihrer Machtſtellung und beurteilen deshalb Klagen und 
Beſchwerden, welche an ſie gelangen, ſehr nachſichtig. Da bleibt denn den An⸗ 
verwandten oder Verlobten der in ihrer Ehre bedrohten jungen Mädchen kaum 
etwas anderes übrig, als zur Notwehr zu ſchreiten. Schwere Mißhandlungen, Mord 
und Totſchlag find, wie wir in unſeren Konferenzen der Kontroleure täglich erfahren. 
die Folge ſolcher Zuſtände. 

Agnes, die vaterloſe Waiſe, hat m Berlin keinen Beſchützer. Die Klagebriefe 
der Braut brachten Franz in Leipzig zur Verzweiflung und förderten den Entſchluß 
bei ihm zur Reife, mit der Ausführung des Fluchtplanes nicht länger zu zögern. 
Agnes wünſchte dies jetzt ſelbſt auf das dringendſte. Meine Frau half in den letzten 
Nächten die Reiſekleider beſchaffen und Alles vorbereiten. * 

So war der entſcheidende Sonntag herangekommen, über deſſen Ausgang wir 


io lange in qualvoller Ungewißheit blieben. Endlich, nach faſt 8 Tagen, wurde 
derſelben ein Ende gemacht. Es traf ein Brief der Beiden von der engliſchen Küſte 
ein. Sie hatten ſich nicht auf dem däniſchen Poſtſchiff befunden. Der Fiſcher, bei 
dem die Beiden in Saßnitz eine Unterkunft gefunden, war ein entfernter Verwandter 
meiner Frau. Die dortige Strandbevölkerung tft gegen bie neue Ordnung überaus 
feindſelig geſtimmt, weil dieſelbe ihnen den bisherigen reichen und bequemen Ver⸗ 
dienſt von den Badegäſten geraubt hat. Denn die ſozialiſirte Geſellſchaft geſtattet 
Badereiſen nur ſolchen, welchen ſie nach Prüfung durch eine ärztliche Kommiſſion 
ausdrücklich verordnet iſt. 

Unſer umſichtiger Fiſcher widerſetzte ſich dem Vorhaben des Paares, eines 
der Poſtſchiffe, auf welche in letzter Zeit beſonders ſcharf vigilirt wird, zur Flucht 
zu benutzen. Der Fiſcher fuhr die Beiden zu der Zeit, als gerade die Aufmerkſamkeit 
der Grenzwache dem Poſtſchiff zugewendet war, auf ſeinem Fiſcherkahn bis auf die 
Höhe von Stubbenkammer in die See hinaus und brachte ſie dort glücklich an 
Bord eines vorüberfahrenden von Stettin zurückkehrenden engliſchen Frachtdampfers. 
Die Engländer, deren Handel durch die neue Ordnung in Deutſchland ſehr benachteiligt 
wird, ſind ſtets gern dabei, der ſozialdemokratiſchen Regierung durch Aufnahme flüchtiger 
Auswanderer ein Schnippchen 4 ſchlagen. So find denn Agnes und Franz nach 
kurzer Ueberfahrt glücklich nach England gelangt und befinden ſich heute bereits auf 
der Ueberfahrt nach Newyork. * 

Die armen Kinder! Was haben ſie ausgeſtanden! Und erſt meine gute 
Frau, welche alle ihre Sorgen und Gedanken ſo lange vor mir in ihrer Bruſt ver⸗ 
ſchloſſen hat! Was kann ich im Leben noch thun, um ihr in Liebe alle dieſe mütter⸗ 
liche Aufopferung zu vergelten! 


22. Wiederum Kanzlerwechſel. 

Die Mißſtimmung auf dem Lande hat ihren Höhepunkt erreicht durch die 
Nachricht von den Muſikaufführungen auf den öffentlichen Plätzen Berlins und von 
den unentgeltlichen Theateraufführungen hierſelbſt. In allen kleinen Neftern. ver⸗ 
langt man unter Berufung auf die ſoziale Gleichheit und die gleiche Entſchädigungs⸗ 
pflicht her gleiche Arbeit dieſelben Volksbeluſtigungen aus dem allgemeinen Volks⸗ 
ſäckel hergeſtellt zu ſehen. Ohnehin müßten ſchon die Dorfbewohner der Gas⸗ 
beleuchtung, der elektriſchen Lampen und der Luftheizung entbehren. N 

Der „Vorwärts“ ſuchte durch anmutige Schilderungen über die Vorzüge des 
Landlebens, idylliſche Betrachtungen über den Naturgenuß und die friſche Luft zu 
beruhigen. Das wurde für Ironie genommen. Wo bleibt denn bei Regenwetter 
und an langen Winterabenden der Naturgenuß? Wo in den engen Wohnungen und 
in den Ställen auf dem Lande die friſche Luft? So murrte man in Eingeſandts. — 
Früher war es doch auch nicht anders geweſen, wurde entgegnet. — Gewiß, aber 
früher konnte jedermann, dem es auf dem Lande nicht mehr paßte, in die Stadt 
ziehen. Nun aber, wo der Landbewohner an die Scholle gefeſſelt iſt ſo lange, bis 
es der Obrigkeit gefällt, ihn zu verſetzen, müſſe man auf dem Lande alles vom 
Staate verlangen, was in den Städten geboten wird, denn: Gleiches Recht für alle! 

Der Kanzler wußte ſich nicht zu helfen. Regieren iſt freilich etwas ſchwieriger 
als Stiefel wichſen und Kleider reinigen. Die Einrichtung der Volksbeluſtigungen 
war das einzige geweſen, was en durchgeführt hatte. Aber beim beſten Willen konnte 
er doch nicht an jedem Kreuzweg eine Muſikkapelle, einen Cirkus und ein Speziali⸗ 
tätentheater errichten laſſen. Da kam er auf den Gedanken, an allen Sonntagen je 
einige hunderttauſende Berliner zum Naturgenuß auf das Land und dafür ebenſo 
viele Landbewohner zum Theatergenuß nach Berlin dirigiren zu laſſen. Indeſſen 
war für dieſe ſoziale Gleichheit leider das Wetter zu ungleich. Trat Regenwetter 
ein, jo wollten die Berliner trotz ihrer bekannten Liebe zu Mutter Grün fi nicht 
auf naſſe Landpartien einlaſſen, während die Landbewohner die Plätze der Berliner 
det den Volksbeluſtigungen ſehr gern einnahmen. 


* 


— 290 — 


So mußte denn der Kanzler, nachdem er gleichmäßig Berliner und Nichtberline 

n ſich anfgebracht hatte, ſeinen Platz räumen, damit nicht die Mißſtimmung über 

n die bevorſtehenden Reichstagswahlen ungünſtig beeinfluſſe. In Berlin iſt natür⸗ 

lich das Mißvergnügen über die Einſtellung aller unentgeltlichen öffentlichen Luſt⸗ 

barkeiten nicht gering. Die Theater find von jetzt ab wiederum nur gegen Ent 
ſchädigung durch Abtrennung von Kupons auf den Geldecertifikaten zugänglich. 

Zum Nachfolger des Kanzlers iſt der bisherige Reichsſchatzſekretär gewählt 

worden. Er gilt als ein ſchneidiger Draufgänger und ſoll daneben ein guter Rechen⸗ 

meiſter ſein. Das iſt um ſo notwendiger, als allerlei gemunkelt wird über das 

mangelnde Gleichgewicht zwiſchen den Ausgaben und Einnahmen in unſerer fozlali 


ſirten Geſellſchaft. 
23. Auswärtige Verwicklungen. | 

Die geſamte Kriegsflotte, welche uns die frühere Regierung hinterlaffen, wird 
jetzt Hals über Kopf wieder ausgerüſtet und in Dienſt geſtellt. Auch das ſtehende 
Heer, welches zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern an den Grenzen zu. 
letzt wieder auf die Stärke von 500 000 Mann gebracht war, erfährt auf Betreiben 
des neuen Reichskanzlers eine Erweiterung angeſichts drohender auswärtiger Gefahren 

In der Rede vor dem geſetzgebenden Ausſchuß, in welcher der Miniſter des 
Auswärtigen dieſe Maßnahmen befürwortete, weiſt derſelbe darauf hin, daß leider 
die zunehmenden Reibungen, Verwicklungen und Zwiſtigkeiten mit dem Auslande 
Festa Sicherheitsmaßregeln zwingen. Dem auswärtigen Miniſterium darf man 

halb keinen Vorwurf machen. Dasſelbe hat in der fozialifirten Geſellſchaft den 
eſamten Güteraustauſch mit dem Auslande von Staat zu Staat zu vermitteln. In 
Folge deſſen ſind ſtets alle Klagen über mangelhafte Beſchaffenheit oder unpünktliche 
Vieferung von Warenſendungen im diplomatiſchen Notenwechſel zu erledigen. Spau⸗ 
nungen über abgelehnte oder abgebrochene Geſchäftsbeziehungen, oder über eine ärger⸗ 
liche Konkurrenz, wie ſie früher in privaten Handelskreiſen auch unvermeidlich waren, 
übertragen ſich jetzt auf die Beziehungen von Staat zu Staat. Das liegt einmal in 
der Natur der neuen Einrichtungen. 

Aber das internationale ſozialdemokratiſche Bewußtſein — ſo führte der aus⸗ 
wärtige Miniſter mit Recht aus — das Gefühl der Brüderlichkeit aller Völker ſollte 
doch hierbei in ganz anderer Weiſe, wie es leider der Fall iſt, ausgleichend, ſchlichtend 
‚und Frieden ſtiftend wirken. Freilich bei den Engländern, dieſen egoiſtiſchen 
Mancheſterherren, welche mit ihren Vettern, den Amerikanern, von der Sozial⸗ 
demokratie durchaus nichts wiſſen wollen, kann ſolches nicht Wunder nehmen. Sie 
können es nicht verwinden, daß das ſozialdemokratiſche Feſtland in Europa durch 
Annullirung aller Staatspapiere, Aktien u. ſ. w. ſich auch von der Schuldknechtſchaft 
gegenüber den engliſchen Beſitzern ſolcher Schuldtitel des Kontinents befreit hat. 
Aber ſelbſt dieſe hartgeſottenen Geldmenſchen müßten einſehen. daß Deutſchland bei 
dieſer Annullirung gegenüber dem Ausland weit mehr Milliarder. verloren, als ges 
wonnen hat, da auch ſämtliche im deutſchen Beſitz befindlichen ruſſiſcher., öſterreichiſch⸗ 
ungariſchen italieniſchen u. |. w. Papiere von den dortigen ſozialdemokratiſchen Ne 
gierungen für null und nichtig erklärt worden ſind. 

Freilich Dank wiſſen dieſe ſozialdemokratiſchen Regierungen uns Deutſchen 
auch nicht, daß wir im erhabenen Bewußtſein der internationalen Bedeutung der 
Sozialdemokratie die Aufhebung der Zinsanſprüche aus unſerm Beſitz an aus⸗ 
ländiſchen Papieren ohne Murren hingenommen haben. In ihrem rückſichtsloſen 
Egoismus gehen dieſe ſozlaldemokratiſchen Regierungen neuerdings ſo weit, daß fie 
die Artikel, welche Deutſchland vou ihnen bedarf und die wir früher teilweiſe durch 
die Hinüberſendung unſerer Zinsk upons beglichen, in der Regel nur gegen baar oder 
Zug um Zug gegen Austauſch ander er Güter an uns ablaſſen wollen. Die Baar⸗ 
zahlung machte ja unſerer Regierung ſolange keine Schmerzen, als wir noch die bei 
uns entbehrlich gewordenen Beſtände an gemünztem und ungemünztem Gold und 
Silber zur Ausgleichung der Valuta hingeben konnten. j 


N * — 21 — L 


Nachdem wir äber dergeſtalt unſer ganzes Edelmetall losgeworden find, ſtoßen 
wir bei den ſozialdemokratiſchen Nachbarſtaaten nicht minder, wie bei den Herren 
Engländern und Amerikanern auch noch auf große Schwierigkeiten, um unſere Ja⸗ 
brikate in gewohnter Weiſe an dieſelben abzuſetzen und dafür aus jenen Ländern 
unſern Bedarf einzutauſchen an Getreide, Holz, Flachs, Hanf, Mais, Baumwolle, 
Wolle, Petroleum, Kaffee u. |. w. In der fozialifigten Gejellichaft iſt gerade der 
Bedarf an ſolchen Artikeln nicht geringer geworden. Im Gegenteil! Die ſozial⸗ 
demokratiſchen Nachbarstaaten, aber fagen, daß fie nach Einführung der ſozialiſirten 


Geſellſchaft jetzt an deutſchen Fabrikaten, wie Putz⸗ und Konfektionswaaren, Sticke⸗ 


reien, Plüſchen und Shwals, Handſchuhen, Klavieren, feinen Glaswaren und der⸗ 
gleichen ganz und gar keinen Bedarf mehr haben. Ihre eigene Produktion ſei nach 
Herſtellung der fozialen Gleichheit für dieſe Artilel jetzt mehr als ausreichend. 
. Die Herren Engländer und Amerikaner aber in ihrer Feindſeligkeit gegen die 
Sozialdemokratie werden nicht müde, uns zu verſichern, daß die deutſchen Jabrlkate, 
insbefondere Eiſenwaren und Textilwaren, ja ſogar Strumpfwaren und Spielwaren 
bel der jetzigen neuen Fabrikationsweiſe ſo mangelhaft und nachläſſig hergeſtellt 
werden, daß fie die früheren Preiſe nicht mehr anlegen und auf anderweitige Ver. 
ſorgung Bedacht nehmen wollen. Dabei kommt unſere Regierung bei den höheren 
Produ koſten ſchon jetzt kaum mehr auf die Koſten. Alle Vereinbarungen in⸗ 
betreff der internationalen Einführung eines Maximalarbeitstages ſind geſcheitert, 


da die ſozialdemokratiſchen Regierungen in ihrem nationalen Egoismus vorgeben, 


daß in dieſer Beziehung die Beſonderheiten jedes Landes inbetreff des Klimas, des 
Volkscharakters u. ſ. w. maßgebend ſein müßten. ö 

Wass ſoll unſere Regierung nun machen! Daß wir jetzt auch unſererſeits nach 
der Sozialiſirung der Geſellſchaft vom Auslande keine Seide und keinen Wein mehr 
brauchen, kann doch den Milliardenausfall bei unſerer Ausfuhr nicht decken. Kein 
Wunder daher, daß der diplomatiſche Notenwechſel tagtäglich einen gereizteren Cha⸗ 
rakter annimmt. Schon ſind im Weſten und Oſten Anſpielungen gefallen, daß 
Deutſchland, wenn es ſeine Bevölkerung nicht mehr ernähren könne, doch an die 
Nachbarſtaaten Landſtriche abtreten möge. Ja, es wird Sogar die Frage erörtert, 
ob nicht zur Deckung der aufgelaufenen Warenſchulden Deutſchlands an die Nachbar⸗ 
ſtaaten es ſich empfehle, ſolche Landſtriche vorläufig in Pfandbeſitz zu nehmen. 

Die ch f Annullirung von deutſchen Wertpapieren geſchädigten Ausländer 
derſuchen ſich ſchadlos zu halten durch Beſchlagnahme auf deutſche Waaren und 
beutiche Schiffe, wo fie irgend ſolcher habhaft werden können. Die Begünſtigung 
flüchtiger deutſcher Auswanderer durch ausländiſche Schiffe giebt unausgeſetzt zu 
gereizten Verhandlungen Veranlaſſung. 

Kurzum, die Hoffnung, daß die Aufrichtung der Sozialdemokratie gleichbedeu⸗ 
tend ſei mit dem ewigen Völkerfrieden, droht in ihr Gegenteil ſich zu verkehren. Der 
gefeggkbende Ausſchuß werde deshalb — fo ſchloß der Miniſter Kine Darlegungen 
— der Notwendigkeit ſich nicht verſchließen können, die Kriegsflotte wieder herzu⸗ 
ſtellen und zugleich eine Erhöhung des ſtehenden Landheeres auf eine Million 


Köpfe zu bewilligen. a 


24. Wahlbewegung. * 
Nächſten Sonntag iſt endlich Reichstagswahl. Mau hat zweckmäßiger Weiſe 
einen arbeitsfreien Tag dazu gewählt. Hängt doch in der ſozialiſirten Geſellſchaft 
vom Ausfall dieſer Wahl hundert Mal mehr ab, als von den früheren Reichstags⸗ 
wahlen. Von der Ordnung des Staatsweſens iſt ja heute Alles und Jedes be⸗ 
dingt: wie viel der Einzelne zu arbeiten, zu eſſen und zu trinken, wie er zu wohnen 
und ſich zu kleiden hat u. |. w. u. |. w. 25 a 
Das fieht man auch ſchon aus den Programmen und Wahlaufrufen. Die Zahl 
der Intereſſengruppen, welche mit Sonderwünſchen hervortreten, iſt Legion. Eine 
große Zahl von Programmforderungen betrifft Umgeſtaltungen des Küchenzettels 


* 


De A EEE 


rern 


1 — 53 m . 


Ksergrößerung der Fleiſchration, eres Bier, ſtürkeren Kaffee (infolge der aus⸗ 
wärtigen Verwickelungen ſoll jetzt fait nur Cichorienkaffee verabfolgt werden), größere 
Wohnungen, ſtärkere Heizung, reichlichere Beleuchtung, billigere Kleider, reinlichere 
Wäſche u. ſ. w. u. ſ. w. . 

Biele Frauen find ſehr ungehalten, daß ihre Forderung, in beſonderen Wahl⸗ 
kreiſen die fte der Abgeordneten zu wählen, als ſtändiſches reaktionäres Abſon⸗ 
derungsgelüſte zurückgewieſen worden tft. Bei der Verbindung mit den Männern 
zu gemeinſchaftlichen Wahlkreiſen fürchten die Frauen, daß viele ihrer Genoſſinnen 
den Männerkandidaten zufallen und ſie in Folge deſſen bei der Unzuverläſſigkeit der 
Unterſtützung ihrer Kandidatin ien von Seiten der Männer nicht viele weibliche Ab⸗ 
geordnete durchbringen werden. , 8 

Ein großer Teil der Frauen macht ohne Rückſicht auf Lebensalter gemeinſame 
Sache mit der Partei der „Jungen“, welche thatſächlich nunmehr zur Sicherung 
dieſer Bundesgenoſſenſchaft das Recht auf Verehelichung auf ihre Fahne geſchrieben 
hat. Außerdem verlangen die „Jungen“, welche ſich unter Berufung auf die Schrift 
Bebels über die Frau als die eigentlichen Bebelianer ausgeben, einen vierſtündigen 
Maximalarbeitstag, wöchentliche Abwechſelung in der Berufsarbeit, allmonatliche neue 
und zwar alternirende Beſetzung aller höheren Beamtenſtellen bis einſchließlich der 
Reichs kanzlerwürde, außerdem vierwöchentliche Sommerferien mit Badereiſen und 
Wiedereinführung unentgeltlicher Volksbeluſtigungen. Die eigentliche Regierungs⸗ 
partei tritt ſehr zuverſichtlich auf, obwohl ihr Programm nicht über allgemeine 
Redewendungen hinauskommt. Sie fordert alle vorgenannten Parteien auf, als 
gute Patrioten ſich nötigenfalls als große Ordnungspartei zuſammenzuſchließen gegen 
eine Partei der Negation und des Umſturzes, welche im Dunklen ſchleiche und ſich 
‚unter dem verlockenden Namen einer Freiheitspartei einzuſchmeicheln ſuche. Dieſe 
Freiheitspartei verlangt nämlich die Wiederherſtellung des Rechts der Eltern zur 
Erziehung ihrer Kinder, Aufhebung der Staatsküchen, freie Berufswahl und Frei⸗ 
ügigkeit, ſowie höhere Belohnung für ſchwierigere Arbeit. Jedermann müſſe ein» 
ehen, daß ſolche Forderungen die ſoziale Gleichheit zerftören und deshalb die Grund⸗ 
„lage der ſozialiſirten Geſellſchaft zu untergraben geeignet ſeien. Die Erfüllung jener 
Forderungen — fo heißt es in dem Aufruf der Regierungspartei — würde zur Wieder⸗ 
herſtellung des Privateigentums und des Erbrechts, zur Kapitalherrſchaft und zum 
Ausbeuteſyſtem der früheren Geſellſchaft unbedingt zurückführen. 


Der Vielheit der Programme und Wahlaufrufe entſpricht durchans nicht die 
nge Lebhaftigkeit der Wahlbewegung. Letztere war in früherer Zeit viel ſtärker. 
lerdings find entſprechend den Beſchlüſſen des Erfurter Parteitages vom Oktober 
1891 alle Geſetze, welche das Recht der freien Meinungsäußerung und die Vereins. 
thätigkeit beſchränken, abgeſchaffr. Aber was nützt die Preßfreiheit, wenn die 
Regierung im Beſitz aller Druckereien iſt, was hilft die Verſammlungsffreiheit, 
wenn alle Verſammlungslokale der Regierung gehören! Freilich dürfen die öffent⸗ 
lichen Verſammlungslokale, im Falle fie nicht anderweitig vergeben find, von allen 
Parteien zu Wahlverſammlungen benutzt werden. Aber es fügt ſich merkwürdiger⸗ 
weiſe ſehr oft, daß gerade für die Oppoſitionsparteien keine Räumlichkeiten frei find. 
Allerdings ſind die Regierungsblätter zur Aufnahme von Wahlinſeraten jeder Art 
verpflichtet, aber da bei der Einrichtung unſerer Geldzertifikate überhaupt keine 
Geldmittel von den Wahlkomitees geſammelt werden können, ſo beſtehen auch keinerlei 
Wahlfonds zur Bezahlung ſolcher Inſerate und zur Beſtreitung ſonſtiger Wahlkoſten. 
Darin war die ſozialdemokratiſche Partei in der früheren Geſellſchaft unzweifelhaft 
viel beſſer beſtellt. Sie verfügte über große Wahlfonds und verſtand es, dieſelben 
geſchickt zu benutzen. a . 

»Die Oppoſitionsparteien klagen jetzt beſonders darüber, daß ſich nur ſehr wenige 
Perſonen finden, welche es wagen, ſich der Regierung gegenüber in der Oppoſition 
öffentlich herauszuſtellen, ſei es als Reichstagskandidaten oder auch nur als Redner 
n Wählerverſammlungen. Es tft ja richtig, daß Jedermann ohne Weiteres ſeitens 


, , — 883 — 
U} 


der Regierung zu einem andern Beruf oder an einen andern Ort verſetzt werden 
kann. Damit find allerdings gerade für die älteren und reiferen Leute viele, unter 
. Umftänden recht empfindliche Veränderungen in den Lebensverhältniſſen verbunden. 
Freilich iſt eine Beſchwerde gegen eine willkürliche Verſetzung ſtatthaft. Aber wer 
vermag den Beweis zu führen, daß die Verſetzung nicht erforderlich und gerechtfertigt 
war wegen Veränderungen in den Arbeitsverhältniſſen, durch welche eine andere 
Ver teilung der Arbeitskräfte bedingt wird. | 
* Eine böſe Gährung ergreift, wie wir in unſeren Rontzoleurkonferengen Tag für 
Tag erfahren, immer Hefer die Gemüter des Volkes in Stadt und Land. Man 
hat den Eindruck, als ob es nur eines leichten äußeren Anſtoßes bedarf, um die 
Flamme einer gewaltſamen Erhebung im Sinne der Wiederherſtellung der früheren 
Zuſtände hoch emporlodern zu laſſen. Vom Lande her hört man bald hier, bald 
dort von gewaltſamen Zuſammenſtößen der zur Durchführung der ſozialdemokratiſchen 
Ordnung aufgebotenen Truppen mit der Landbevölkerung. Selbſt der Truppen IR 
die Regierung nicht überall ſicher. Berlin hat deshalb trotz der großen Heeresv er⸗ 
ſtärkungen noch keine Garniſon wieder erhalten. Dagegen iſt die Schutzmannſchaft, 
welche nach Möglichkeit durch Auverläifige Sozialdemokraten aus dem ganzen Lande 
ergänzt wird, jetzt auf 30 000 Mann gebracht worden. Abgeſehen von den berittenen 
Mannſchaften find der Schutzmannſchaft jetzt auch Artillerie und Pioniere zugeteilt 
worden. N 5 
a Die Reichstagswahl findet allerdings durch Stimmzettel ftatt, welche obrigkeitlich 
abgeſtempelt ſind und in geſchloſſenem Couvert überreicht werden. Aber bei der alle 
Lebensverhältniſſe durchdringenden Organiſation der Regierung, der Oeffentlichkeit 
des ganzen Lebens, dem Kontrolſyſtem, welchem jeder Einzelne unterſteht, ſcheinen 
ſich viele trotz der Undurchſichtigkeit der Zettel nicht zu trauen, nach eigener 
Ueberzeugung abzuſtimmen. Früher war dies ja mit der Beamtenſchaft in manchen 
Orten ähnlich. Jetzt aber iſt Jedermann Angeſtellter des Gemeinweſens. 

Das Wahlergebnis iſt deshalb durchaus ungewiß. Kommt wirklich der Volks⸗ 
wille zum Ausdruck, ſo erhalten wir einen Reichstag im Sinne der Wiederher⸗ 
ſtellung der früheren Ordunng. Ueberwiegt dagegen die Furcht, jo wird der 
Reichstag ein blindes Werkzeug in den Händen der Regierung ſein. oo. 

Ich ſelbſt weiß noch nicht, wie ich ſtimmen werde. Ich fürchte, daß man 
wegen der Flucht meines Sohnes mir ohnehin ſchärfer aufpaßt. Vielleicht gebe ich 
einen weißen Zettel ab. | 


5 25. Trauer kunde. 


Annie, unſer gutes, herziges, kleines Mädchen, iſt tot! Kann man es faſſen, daß 
plötzlich ſtarr und leblos das kleine Weſen daliegt, welches immer jo fröhlich und 
munter um uns herumſprang, verſtummt der Mund, der ſo herzlieb plauderte, 
Fiche d. die Augen, die in 2 hellem Glanze ſtrahlten, wenn hier auf dieſem runden 

ſche das Weihnachtsbäumchen für ſie ſtrahlte oder dort auf der Kommode ihr 
Geburtstagskuchen mit dem Lichtchen erglänzte? | 

Und gerade heute iſt ihr Geburtstag. Meine arme Frau war Vormittag in 
das Kinderheim gegangen, um zu verſuchen, ob fie an dieſem Tage ihr Kind wenig⸗ 
ſtens für einen Augenblick ſehen könne. Fröhlichen . e und lächelnden 
Mundes fragt ſie nach dem Kinde. Da nach einer Pauſe — ſie mußte Namen 
und Wohnung wiederholen — ſchneiden ihr die kalten Worte in das Herz, das 
Kind ſei über Nacht an der Bräune geſtorben, die Mitteilung wäre ſoeben an 
die Eltern abge ſandt worden. . | 

Meine Frau ſinkt ſtarr auf einen Stuhl zurück, dann aber giebt ihr die Mutter⸗ 
liebe übermenſchliche Kraft, ſie kann es nicht faſſen, daß Annie, ihr Kind, geſtorben 
ſein ſoll, es wird, es muß ein Irrtum ſein. Sie ſtürzt der Aufſeherin nach in den 
Leichenkeller. Da liegt das arme Würmchen in ſeinem langen roten Nachtröckchen 
Alles Anrufen, Küſſen und Klagen der Mutter vermag es nicht aufzuwerten. u 


| — 84 — 

Wie das alles fo rasch gekammen iſt bei der tückiſchen Krankheit, wer vermag 

8 zu fagen? Eine Erkältung war vorhergegangen, wahrſcheinlich über Nacht. 

as Rind ſtrampelte ſich ja auch bei uns nachts immer ſo blos, aber dort wachte 
kein Mutterauge ſorgſam neben dem Bettchen jedes Einzelnen unter den Hunderten 
von kleinen Weſen. Die vorgeſchriebene Ventilgtion bringt ſtets einen friſchen 
Luftzug in die Schlafſtube. Vielleicht war auch das Kind beim Baden, nicht raſch 
und kforgſam genug abgetrocknet, es muß ja in ſolchen großen Anſtalten gar 
Endler ewas ſummaciſch beſorgt werden. Vielleicht auch hat die veränderte 
Eruährungsweiſe das Kind ſchwächer und daher empfindlicher gemacht, als es 
bei uns zu Hauſe war. Doch was hilft uns jetzt alles Nachforſchen und Grübeln; 
yufere teüere Annie kann dadurch nicht wieder lebendig werden. 

Wie wird meine teuere Frau ſolches Leid überſtehen? Sie war ſo erſchüttert 
und gebrochen, daß fie aus dem Kinderheim zu Wagen direkt in die Krankenanſtalt 
übergeführt werden mußte. Ich ſelbſt kam erſt ſpäter hinzu. Annie war unſer 
Neſthäkchen, ein Spätling, als einzige Tochter nach den Jungen. Was Alles 
haben wir von dem Linde gehofft und geträumt, wenn es erſt erwachſen ſein würde. 

Ernſt, der gute Junge, ſoll es erſt morgen durch mich erfahren. Großvater 
darf es gar nicht wiſſen; er hatte Annie ſeit Mutters Geburtstag nicht mehr geſehen. 
Nun kann er ihr nicht mehr Geſchichten erzählen, wie ſo oft, wenn ſie auf ſeinem 
Schoße ſaß und immer wieder aufs Neue von Rotkäppchen und dem Wolf zu hören 
. verlangte. Franz und Agnes in ihrem Amerika haben natürlich keine Ahnung. In 

ehn Tagen werden ſie erſt meinen Brief erhalten. Franz liebte ſeine kleine Schweſter 
o zärtlich. Faſt jedesmal brachte ex ihr etwas mit, wenn er von der Arbeit 
heimkehrte. Das wußte der kleine Schelm und ſtürmte ihm ſchon auf der Treppe 
entgegen, jobald er Franz kommen hörte oder ſah. Vorbei, Alles vorbei mit jo manchem 
Anderen innerhalb einiger Monate. 


26. Das Wahlergebnis. 


Bei ſo viel Herzeleid erſcheint alles Politiſche gleichgiltig und ſchaal. Wenn 
die Gegenwart ſchweren Kummer auferlegt, verblaßt die Sorge um eine entferntere 


Zukunft. | 

Franz hat in der Schätzung des Wahlergebniſſes Recht behalten. Er meinte 
in ſeinem letzten Brief, daß in einer Geſellſchaft, worin es keine perſönliche und 
wirtſchaftliche Freiheit des einzelnen mehr giebt, auch die freieſte Staatsform keine 
politiſche Selbſtändigkeit mehr ermögliche. Wex derart in allen ſeinen perſönlichen 
Lebensbeziehungen von der Regierung abhängig iſt, wie es jetzt bei uns für die 
geſamte Vevölterung zutrifft, vermag nur in den ſeltenſten Fällen die moraliſche 
Kraft zu gewinnen, auch nur durch einen geheimen Stimmzettel eine den zeitigen 
Machthabern unerwünſchte politiſche Wahl zu bethätigen. So wenig wie für Sol⸗ 
daten in der Kaſerne und für Sträflinge im Gefängnis könne das politiſche Wahl⸗ 
dale in unſerer ſozialdemokratiſchen Geſellſchaftsordnung eine ernſthafte eutung 
aben. 

Es iſt richtig, die Regierungspartei hat ohne beſondere Anſtrengungen — nur 
etliche offenbar aus politiſchen Gründen zur Statuirung von Beiſpielen vorgenom⸗ 
mene Verſetzungen von Führern aus der „Freiheits⸗Partei“ und der Partiel der 
„Jungen“ wirkten einſchüchternd — trotz aller herrichenden Mißſtimmung über 
zwei Drittel der abgegebenen Stimmen erhalten. 


Ich ſelbſt habe unter der Wucht des Schickſalsſchlages, welcher meine Familie. 


betroffen, entgegen meiner urſprünglichen Abſicht für die Regierungspartei geſtimmt. 
Denn was ſollte aus mir und meiner Frau werden, toenu wir in unſerer jetzigen 
Gemütsverfaſſung noch von einander getrennt würden durch eine Verſetzung meiner 
Perſon in irgend einen entlegenen Provinzialort. 

Seltſam iſt es, daß gerade auf dem Lande, wo die größte Mißſtimmung 
kerricht, die meiſten Stimmen für die Negierung abgegeben worden find. Freilich 


mat man ſich dort, wo jeder einzelne noch mehr lontrollirt werden kann, als % 
der dichtgedrängten Bevölkerung einer Großſtadt, mit der ſelbſtändigen Kundgebung 
einer oppoſitionellen Anſicht bei ſolcher Gelegenheit weniger heraus. Auch haben 
hier gerade in den unruhigſten Bezirken die letzten militäriſchen Maßnahmen ehe 
etuſchüchternd gewirkt. . 

In Berlin ſelbſt iſt die Regierungspartei in der Minderheit geblieben, fe 
daß, da Berlin unter dem Proportionalwahlſyſtem nur einen einzigen Wahlkreis bildet, 
die ARebrheit der Berliner Abgeordneten der Oppoſition in der „Freiheitspartei“ 
angehört. 


Die „Jungen“ haben ſchlecht abgeſchnitten und troß der ſtarken Unterſtützung 
der Frauenpartei für allgemeines Verehelichungsrecht nur einen einzigen Kandidaten 
durchgebracht. Die Stimmung im Volke iſt offenbar nirgendwo mehr für einen 
weiteren Ausbau des ſozialdemokratiſchen Staatsweſens. Auch der einzige Abge⸗ 
ordnete aus der Partei der „Jungen“ iſt nur gewählt worden, weil die Partei der 
Freiheitsfreunde ihn wegen ſeines perſönlichen ſchneidigen Auftretens gegen die Ne⸗ 
gierung in der Wahl unterſtützen zu müſſen glaubte. nn 

Die Partei der Freiheit oder der Freiheitsfreunde hat, durch das 17 Land 
gerechnet, vahezu ein Drittel der Stimmen erlangt, trotzdem fie von der Regierungs⸗ 
partei als Partei des Umſturzes und der Untergrabung der geſellſchaftlichen Ord⸗ 
nung in jeder Weiſe zu ächten geſucht wurde. Die Partei verdankt Dielen relativen 
Erfolg weſentlich der Unterſtützung der weiblichen Wähler, welche ſich überhaupt 
an der Wahl weit ſtärker als die Herren vom ſtärkeren Geſchlecht beteiligten und 
aus ihrer Erbitterung über die herrſchenden Zuſtände, insbeſondere über die Be⸗ 
ſchränkung der Häuslichkeit und des Privatlebens, kein Hehl machten. | 

Insbeſondere war ſeit Einführung der täglichen Kündigungsfriſten für bie 
ehelichen Verbindungen die große Zahl der eheverlaſſenen Frauen am Wahltage über’ 
aus thätig im Stimmzettelverteilen und Heranholen ſäumiger Wähler zur Urne. 

Von Damen iſt nur eine einzige in den Neichstag gewählt worden, nämlich 
die Gattin des neuen Reichskanzlers. Dieſe Dame rechnet ſich nicht zur Regierungs⸗ 
partei, ſondern hat ſich als „wild“ bezeichnet. Sie hat in ihrer öffentlichen Wahl⸗ 
rede verſichert, daß, wie fie bisher es ſchon in der Häuslichkeit ihrem jetzigen und 
auch allen früheren Gatten gegenüber gewohnt geweſen ſei, ſie auch im Reichstag 
offen und frei die Wahrheit Tagen werde, wenn dies nach ihrer ſelbſtändigen Ueber⸗ 
zeugung das. Intereſſe des Volkes erheiſcht. Die Regierungspartei glaubte dieſe 
Wahl der Gattin des Reichskanzlers nicht bekämpfen zu dürfen teils aus Courtoiſie. 
teils um an dieſer Wahl die Gleichberechtigung der Frauen praktiſch zu demonſtriren. 


27. Ein großes Defizit. 

Allmonatlich eine Milliarde oder 1000 000 000 Mark mehr Ausgaben 
als Einnahmen, mehr Konſumtion als Produktion im Volks haushalt, das iſt die 
ſchlimme Botſchaft, mit welcher der Reichskanzler den neuen Reichstag eröffnet hai. 
Ein Wunder, daß es noch gelungen iſt, dieſe Tbatſache bis uach den Wahlen gehen 
zu halten. Für die Klarſtellung und Abhilfe aber iſt es jetzt die höchſte Zeit. 

A!“TDreilich zu merken war es ſchon feit langer Zeit an allen Ecken und Enden. 
daß es nicht ſtimmte. Wollte man für fein Geldzertifikat etwas kaufen, jo bieß es 
nur zu oft, der Vorrat davon ſei eben ausgegangen und würde erſt in einiger Zeit 
ergänzt werden können. In Wahrheit abet war nicht die ſtärkere Nachfrage, wie 
ſich jetzt herausſtellt, ſondern die Abnahme der Produktion ſchuld daran Es war 
ſogar ſchwer, ſich für Erſparniſſe auf dem Geldzertifikat auch nur die notwendigſten 
Kleidungsftüde zu erneuern. Bei anderen Bedarfsartikeln mußte man mit erſchreck⸗ 
lichen Ladenhütern fürlieb nehmen, wenn man überhaupt etwas bekommen wollte. 
Die Preiſe für die aus dem Auslande bezogenen Artikel wie Kaffee, Petroleum, 
Reis waren nachgerade kaum mehr zu erſchwingen. ' 

Auch ſonſt hat wahrlich die Bevölkerung nichts weniger als „in Saus aus 


% 


— 88 — 


Drauz gelebt. Für das Mittageſſen tft zwar nach wie vor die Fleiſchration om 
150 ®ramm verblieben; indeſſen ſcheinen Aenderungen in Bezug auf Einrechnung 
von allerhand Abfällen auf die Geſamtheit der Portionen ſtattgefunden zu haben. 
Auch hat ſich der Gemüſeetat ſehr vereinfacht und iſt auf Erbſen, Bohnen, Linien 
und Kartaffeln eingeſchränkt. Am Bebeltage iſt die erwartete größere Fleiſchration 
und ein unentgeltliches Glas Bier ausgeblieben. Sogar bei den Gewürzen ſcheint 
immer mehr geſpart zu werden. Vielfach hört man über die Geſchmacklofigkeit und 
Fadheit der Speiſen klagen, was Ekel erzeugt, der ſelbſt durch ſtarkes Hunger⸗ 
gefäht ſich nicht überwinden laſſe. Von Erbrechen und Darmkatarrh war bei den 
ahlzeiten immer mehr die Rede. 0 

Obwohl nach den vorhandenen Anzeichen ſich annehmen läßt, daß trotz 
der ſtarken Auswanderung die Bevölkerung in Folge der Gewährleiſtung freier 
Kindererziehung von Seiten des Staates einem rapiden Zuwachs entgegenſieht, 
werden neue Wohnhäuſer ſelbſt in Berlin nicht mehr gebaut. Sogar die not⸗ 
wendigſten Reparaturen werden vielfach hinausgeſchoben. Von Meliorationen, 
Erneuerungen der Maſchinen und Geräte oder von Erweiterungen von Betriebs- 
und Produktionsanlagen oder neuen Verkehrswegen hört man nirgend etwas. 

Did Vorräte für die Konſumtion ſcheinen auf ein Minimum zu ammengeſchmolzen 
m fein. Nur an Artikeln, nach denen wenig oder garnicht verlangt wird, iſt noch 
erheblicher Vorrat; außerdem bei allen jenen Waren, die früher in das Ausland 
verlauft wurden und jetzt dort, namentlich in den ſozialdemokratiſchen Staaten, 
keinen Abſatz mehr finden, fo namentlich an Putzwaren, Stickereien, Handſchuhen, 
Wein, Seidenwaren, Klavieren, Plüſch u. l. w. Alle dieſe Waren werden deshalb 
im Inland weit unter dem Koſtenpreis abgegeben, nur um damit zu räumen. 

Trotz alledem ſcheint das Defizit gerade in den letzten Monaten eher größer 
als kleiner geworden zu ſein. Sogar die Vorräte von Rohſtoffen und Hilfsſtoffen 
beginnen nicht mehr auszureichen, um auch nur den regelmäßigen Fortgang der 
Produktion zu ſichern. 3 Ausland überläßt jetzt nirgendwo mehr Waren auf 
Kredit an Deutſchland, ſondern nur im Umtauſch der Gegenwerte, Zug um Zug. 

Man kann dabei nicht einmal behaupten, daß die Regierung leichtſinnig die 
Konſumtion geregelt hat. Sie hatte, wie es in der Botſchaft zur Eröffnung des 
Reichstags heißt, ziemlich genan ermittelt, daß der Wert der geſamten Produktion an 
Gütern und Dienſtleiſtungen in Deutſchland unmittelbar vor der Umwälzung ſich 
einſchließlich der ſchon damals vorhandenen Produktionszweige der Gemeinweſen 
auf 17 bis 18 Milliarden Mk. jährlich belief. Die Regierung hatte eine Steigerung 
des Produktionswerts als Folge der neuen Organiſation gar nicht einmal in 
Rechnung geſtellt, ſondern war nur davon ausgegangen, daß auch bei Einführung 
des achtſtündigen Maximalarbeitstages ſich der bisherige Produktionswert erreichen 
laſſe. Dieſe Annahme war der Berechnung der zuläſſigen Konſumtion zu Grunde 
gelegt. Dabei konnte denn allerdings ſchon bisher die Mehrheit dec Bevölkerung 
trotz aller Einſchränkung in der perſönlichen und wirtſchaftlichen Freiheit nicht 
befjer, ſondern nur ſchlechter geſtellt werden, als vor der großen Umwälzung. 

Und nun ſtellt ſich heraus, daß der Produktionswert gegen früher auf ein 
Drittel, alſo jährlich von 18 auf 6 Milliarden oder monatlich. von 1'/, auf / Milliarde 
in der jozialifirten Geſellſchaft zurückgegangen iſt. Es wird alſo in jedem Monat 
eine Milliarde untergezehrt. Das ergiebt in 4 Monaten ſchon ſo viel Verluſt, wie 
im großen franzöſiſchen Kriege ſeiner Zeit Frankreich an Kontribution an Deutſchland 
abführen mußte. | 

Wo ſoll das hinaus und wie ift Abhilfe möglich! Die 4 Def auf die nächſte 
Reichstagsſitzung, in welcher der Kanzler die Urſachen des Defizits klarlegen will., 


WM eine überaus große. N 
| 28. Jamiltennachrichten. 
Immer bin ich noch einſam und allein in meiner Wohnung, wie es ſeit meiner 
Junggeſellenzeit nicht mehr der Fall war. 


1 N 0 a 
1 7 7 u j 
7 
Noch immer weilt meine arme Frau in der Krankenanſtalt. Der Arzt hat 

mich indeß gebeten, die Beſuche daſelbſt auf das Aeugerſte einzuſchränken, um jede 
Aufregung bef ihr möglichſt zu vermeiden. Denn ſieht fie mich, fo fällt fie mir 
leidenschaftlich um den Hals, als ſei ich ſoeben erſt nach den furchtbarſten Lebens⸗ 
gefahren ihr wieder zurückgegeben. Nachher giebt es wieder die aufregendſten 
Szenen, bevor ſie ſich von mir trennen kann und mich nach Hauſe entläßt. Je 
lebhafter fie nach unferu Geſprächen in ihren Gedanken ſich mit mir und den andern 
Familienmitgliedern beſchäftigt, deſto mehr ſteigert ſich bei ihr das Gefühl der 
Angſt und Sorge um uns. Sie wähnt uns allerlei ſchlimmen Verfolgungen und 
Gefahren ausgeſetzt, fürchtet uns nimmer wiederzuſehen. Die Erſchütterung des 
»Gemüũtes durch den Tod unferer Tochter und die Vorgänge bei der Flucht von Franz 
und Agnes iſt noch immer nicht überwunden. 


Ich wollte darüber unſern früheren Hausarzt, dem ihr Sein und Weſen 
genau bekannt iſt, und der, ſie ſeit unſerer Verheiratung ärztlich behandelt hat, 
um Rat fragen. Dex Arzt lam ſoeben von einem jugendlichen Selbſtmörder zurück, 
den er ſich vergebens bemüht hatte, wieder ins Leben zurückzuruͤfen. Er mußte 
aber zu ſeinem Leidweſen bedauern, daß ſoeben ſein achtſtündiger Maximalarbeitstag 
abgelaufen ſei. Deshalb könne er heim beſten Willen und bei aller Freundſchaft 
für uns keinen ärztlichen Rat heute mehr ertellen. Er iſt ſchon zweimal von 
einem jüngeren Kollegen, der eine dem Maximalarbeitstage entſprechende ärztliche 
Thätigteit durch Ablieferung von Kupons zur Staatsbuchhalterei nicht nachweiſen 
konnte, wegen Ueberſchreitung der Arbeitszeit denunzirt und in Folge deſſen wegen 
Ueberproduktion hart beſtraft worden. N 

Der alte Herr ließ ſich aus Anlaß ſeines heutigen Falles mit mir in ein 
Geſpräch ein über die erſchreckliche Zunahme der Selbſtmorde in der ſozialiſirten 
Geſellſchaft. Ich frug ihn, ob etwa eine unglückliche Liebe Schuld ſei an dem 
heutigen Fall. Das verneinte er beſtimmt, obwohl ſolche Fälle jetzt ebenſo, wie 
früher vorkämen. Denn es kann doch auch jetzt von Staatswegen Niemand ver⸗ 
hindert werden, Körbe auszuteilen. Der alte Herr, der kr g Militärarzt war, 
fuchte die Zunahme der Selbſtmorde anders zu erklären. Er ſagte, daß auch beim 
Militär bie Selbſtmorde zu einem erheblichen Teil davon herrührten, daß manche 
junge Leute, obwohl es ihnen an zureichender Nahrung, Kleidung und Wohnung nicht 
mangelt, ſich' in den ungewohnten Zwang der militäriſchen Verhältniſſe durchaus nicht 

ſchicken vermöchten. Und dabei hatten dieſelben noch Ausſicht, in zwei oder drei 
Fahren wieder entlaſſen zu werden und zu der gewohnten Freiheit im Thun und 
Handeln zurückzukehren. Man darf ſich darum nicht wundern, ſo meinte er, daß 
jetzt die aus den neuen Organiſationen der Produktion und Konſumtion folgenden 
großen und dabei lebenslänglichen Beſchränkungen der perſönlichen Freiheit zuſammen 
mit der ſozialen Gleichheit bei vielen Perſonen, und darunter nicht den ſchlech⸗ 
teſten, den Reiz des Daſeins bis zu einem Grade vermindern, welcher ſie zuletzt 
den Selbſtmord als den einzigen Ausweg betrachten läßt, um dieſem Zwang eines öden, 
gleichförmigen, durch keine Energie ihres Willens abänderlichen Daſeins zu ent⸗ 
rinnen. Der alte Herr mag jo ganz Unrecht dabei nicht haben. 


Von Franz und Agnes aus Amerika gute Nachricht. Der einzige Lichtpunkt 
in meinem Daſein. Sie haben bereits das Koſthaus in New⸗Nork, welches fie 
unmittelbar nach ihrer Verheiratung bezogen, verlaſſen und ſich eine eigene, wenn 
auch recht beſchränkte Häuslichkeit einrichten können. Franz iſt in Anerkennung 
ſeiner tüchtigen Leiſtung und ſeiner Solidität Faktor in einer nicht unbedeu⸗ 
tenden Druckerei geworden. Agnes arbeitet für ein Putzgeſchäft, deſſen Verdienſt 
ſich in Amerika außerordentlich gehoben hat, ſeitdem die deutſche Konkurrenz in 
Putzwaren für Amerika leiſtun gsunfähig geworden if. Durch Sparſamkeit gelingt 
es ihnen, ein Stück nach dem andern für ihre neue Häuslichkeit zu beſchaffen. 
Franz dat ſich über den Tod feiner kleinen Schweiter ſehr gegrämt und dringt in 
mich, Ernſt zu ihm herüberzuſenden. Ex will für denſelben auf jede Weiſe forgen 


* 


0 — 88. — 
ernſt dauert mich in der Erziehungbanſtult aus tiefſter Seele. Man 
hrt aus dieſen Anſtalten überhaupt nur Ungünſtiges, namentlich aus denen, in 
welchen ſich die reiferen jüngeren Leute im Alter von 18 bis 21 Jahren befinden 
„Sie wiſſen, daß, wenn fie das 21. Lebensjahr erreicht haben, fie, gleichgiltig, was 
und wie viel ſie gelernt haben, gr der Sie erte dieſelbe gleichmäßige für alle be 
ſtimmte Ration vorfinden und es in keinem Falle darüber hinaus zu Etwas 
bringen können. Auch ob fie ſich mit Luft und Liebe für einen Beruf vorbereitet 
haben, gewährt ihnen nicht die mindeſte Sicherheit, dieſem oder auch nur einem 
verwandten Beruf demnächſt zugeteilt zu werden. So benutzen fie denn faſt aus⸗ 
nahmslos die ihnen zur Ausbildung gewährte Zeit zu Ausſchweifungen der ver⸗ 


ſchiedenſten Art, ſodaß letzthin Beſtimmungen zu ihrer Kontrole ergangen find, 


wie ſie nicht ſchärfer für Sträflingsſchulen erlaſſen werden können. 

Trotzdem wage ich nicht, ſt den Gedanken einer Flucht nahe zu 85 legen 
Selbſt wenn ich einen Weg wüßte, den Jungen auf ein ausländiſches Schiff zu 
Ipediren, und Franz die Ueberfahrtskoſten irgendwie ſicher ſtellen könnte, jo kann ich 

doch ohne Zuſttmmung meiner Frau nicht einen Schritt thun, der für das Lebens⸗ 
ſchickſal unſerezß unmündigen Sohnes von fo entſcheidender Bedeutung iſt. Für 
meine Frau aber könnte bei ihrem jetzigen Zuſtande eine ſolche Mitteilung der Tod ſein 


29. Eine ſtürmiſ che Reichs tagsſttzung. 


Seit der Verhandlung über die Sparkaſſengelder war ich nicht mehr tm 
Reichstagsgebäude am Bebelplatz geweſen. Damals hatten die allgemeinen Neu⸗ 
wahlen noch nicht ſtattgefunden, und es waren daher die ſozialdemokratiſchen Ab» 
geordneten aus der Zeit vor der großen Umwälzung noch unter ſich, da man 
alle anderen Mandate als angeblich aus der Kapitalherrſchaft hervorgegangen für 
null und nichtig erklärt hatte. Heute füllten die neu gewählten Gegner der 
Sozialdemokratie die ganze linke Seite des Reichstagsſaales aus, alſo etwa ein 
Drittel ſämtlicher Plätze. + 

Die einzige aus den Neuwahlen hervorgegangene Dame, die Gattin des 
Reichskanzlers, hatte ihren Plaß in der Mitte der vorderſten Reihe eingenommen. 
Dieſelbe, eine ſtattliche, energiſch dreinſchauende aber etwas kokett aufgepntzte Dame, 
folgte der Rede ihres Gatten mit lebhaffer Aufmerkſamkeit, bald beifällig nidend, 
bald das mit rothen Schleifen geſchmückte Locken haupt ſchüttelnd. 

Unter dem Eindruck der Nachrichten von dem großen Milliardendefizit hatte 
ſich offenbar der Regierungspartei eine gewiſſe Niedergeichlagenheit bemächtigt, 
während die antiſozialdemokratiſche Oppoſition, die Freiheitspartei, ſich in ihren 
Kundgebungen ſehr munter zeigte. Die Tribünen waren dicht beſetzt, namentlich 
von Frauen, ſodaß kein Apfel zur Erde fallen konnte. Es herrſchte unter den Zu⸗ 
börern Taleban eine aufgeregte Stimmung. 

Tagesordnung: Ueberſicht über den Volkshanshalt. In der Diskuſſion, 
welche ſich über die Urſachen des Milliardendefizits entſpann, und die ich mich bemlihe hier 
auszugsweise wiederzugeben, er Ai zunächſt das Wort 

eichskanzler: Die Thatſache einer Verminderung der Produktionswerte in 
Deutſchland um zwei Drittel, verglichen mit der Produktion vor der großen Umgeſtaltung 
der Geſellſchaft, ſoll man nicht beweinen und nicht belachen. ſondern zu verſtehen trachten. 
In erſter Reihe find daran Schuld die Feind⸗ unſerer jozlalfiiten Geſellſchaft (der Abge⸗ 
ordnete für Hagen, links: Nanu!) Jawohl, Herr Abgeordneter, zur Durchführung der 
Ordnung im Innern haben wir die Polizeikräfte mehr als verzehnfa zur Unterjtügung 
der Boltzel zur Verhinderung der Auswanderung und Sicherung gegen das Ausland das 
Dede Heer und die Flotte egen früher verdoppeln müſſen. Sodann hat die Annullirung 
ice Kapla in den ſozialdemokratiſchen Staaten Europas auch für das dort angelegte 
deutſche ttal die Zinsanſprüche aufgehoben und damit eine Verminderung der Einnahmen 
See Unſer Abſatz im Ausland iſt in Folge der Umgeſtaltung der Geſellſchaft in 
ſozialiſirten Staaten und in Folge der Abneigung der übrig gebliebenen Bourgeolsſtaaten 
einen die lend ſch un Bub uc enn die indes Abeen hassen aıtherorb entl la zurückgegangen. An dieſen 
u 


Vn zweiter Reihe erwähnte ich als Urſache der Mindererträge in der Produktion bie 
Entbindung der jungen und alten Leute von der Arbeitspflicht. (Hört, bört! links) und die 
Serkürzung der Arbeitszeit (Unruhe rechts). Auch das Verbot jeder Akkordarbeit hat offen⸗ 
bar zu einer Verminderung der Produktion beigetragen. (Hört, hört! links) In Folge der 
bemoralifitenden Nachwirkungen der früheren Gefellſchaft (Oho! links) iſt leider das Bewußt⸗ 
ſein der Arbeitspflicht als unentbehrliche Grundlage der ſozialiſirten Geſellſchaft noch nicht in 
jolchem Umfange vorhanden (Unruhe rechts), daß wir auf eine Ausdehnung des Maxi⸗ 
malarbeitstages bis auf zwölf Stunden, wie wir ſie Ihnen vorſchlagen wollen, 
lauben verzichten zu können. (Senſation). Außerdem werden wir jedenfalls bis zur Wieder⸗ 

rſtellung der Bilanz die Arbeitspflicht für alle Perſonen vom 14. Lebensjahre bis zum 75. 

atutren müſſen ſtatt bisher vom 21 bis 65. Jahre, (Hört, hört! links!), wobei wir nns 
indeſſen vorbehalten wollen, talentirten jüngeren Perſonen Erleichterungen zur Ausbildung 
dewabren. ſchwachen Perſonen Erleichterungen zur Erhaltung ihres Geſundheitszuſtandes zu 
gewähren. ö ; 


7 Sodann wird eine vereinfachte und weniger koſtſpielige Ernährungsweſſe, als bisher 
(Unruhe rechts!) erheblich beitragen können zur Verminderung unſeres Defizite. Neuere 
ſorgfältige Unterſuchungen haben nämlich dargethan, daß bei entſprechender Erhöhung der 
Gemüſe⸗ und Kartoffelportionen bei dem Mittagsmahl als Fleiſchration ſtatt 150 Gramm 
auch 50 Gramm Fleiſch oder Fett pro Kopf ausreichen dürften. (Abgeordneter für 
Sagen: In Plötzenſee!) Pyäſident: Herr Abgeordneter, ich bitte Sie, die Zwiſchenrufe 
zn unterlaſſen. (Beifall rechts!) Neichskanzler fortfahrend: Es giebt ja bekanntlich ſehr 
viele ehrenwerte Perſonen, die Vegetarier meine ich, welche den Fleiſchgenuß überhaupt nicht 
Gun Bi in, ſondern für gerade, ſchädlich für den menſchlichen Organismus betrachten. 

e rechts). ö a " 


Vor Allem aber trachten wir große Erſparniſſe zu erzielen, indem wir in folgerichtigem, 
weiteren Ausbau der ſozlalen Gleichheit engere Grenzen ziehen dem individualiſtiſchen Belieben 
und damit dem blinden Walten von Angebot und Nachfrage, welches auch gegenwärtig noch 
ebenſo die Produktion erſchwert, wie die Konſumtton verteuert. Die Geſellſchaft probuzirt 
beiſpielsweiſe Lebensmittel, Hausgeräte, Kleidungsſtücke, aber die Nachfrage richtet ſich in eigen 
ſinniger Laune — nennen wir es nun Geſchmack, Mode oder wie ſonſt — (Abgeordnete Fran 


Reichskanzler: Oh, oh! — Der Reichskanzler hält inne und ſucht durch ein Glas Waſſer ſeiner 


ſichtlichen Erregung üder den Zwiſchenlaut Herr zu werden). Ich ſage, die launiſche Mode 
richtet ſich jetzt nur zu oft nicht auf die bereits produzirten Artikel dieſer Art, ſondern gerade 
auf ſolche, welche bis dahin wenig oder garnicht produztrt worden ſind. Die von der Geſellſchaft 
angebotenen Vorräte werden in Folge mangelhaften Abſatzes Ladenhüter, verderben, kurzum 
erfüllen nicht ihren Zweck, nur weil es den Herren und Damen X. Y. Z. anders gefällt. 
Oder iſt es etwa gerechtfertigt. den individualiſtiſchen Neigungen dieſer Perſonen darin nach⸗ 
zugeben, daß, man ihnen verſchiedene Waren für denſelben Zweck der Ernährung, Wohnung 
und Bekleidung «zur Verfügung ſtellt, damit Herr und Frau X ſich anders nähren, wohnen 
und kleiden können, als Herr und Fraun Y.? Welche Berwohlfeilerung der Produktion läßt 
ſich dagegen erzielen, wenn ſtatt deſſen die Produktion ſich auf wenige oder am beiten auf 
einen einzigen Gebrauchsgegenſtand für jeden beſonderen Zweck beſchränkt! Jeder Verluſt 
durch Mangel an Abſatz würde vermieden werden, wenn von vornherem ſeſtſteht, daß die 


ö Leiden und Damen X. Y. 8. ſich m der vom Staat vorgeſchriebenen Weiſe zu ernähren. zu 


eiden und aus zuſtatten baben. N 
Darum, meine Dame und meine Herren, gwird Ihnen die Regierung zunächſt vor⸗ 


' ſchlagen. bel der Ernährung dieſelbe Regelung auch für das Frühſtück und die Abendmahlzeit 


einzuführen, welche von Anfang an für die Mittags mahlzeiten ſchon Platz gegriffen hat. Ebenſo 
wird es die ſoziale Gleichheit fördern, wenn wir nunmehr auch den Hausrat in Bezug auf 


Falle zu demſelben notwendigen Gegenſtände, wie Betten, Tiſche, Stühle, Schränke, Bettwäſche 


und dergleichen verſtaatlichen. Indem wir derart jede Wohnung mit einem dem Staat ge⸗ 
hörenden und alfo in derſelben verbleibenden Ausſtattung verſehen, werden diejenigen Mühen 
und Verluſte vermieden, welche gegenwärtig durch den Umzug der Bewohner entſtehen. Rune 


mehr wird es auch erſt möglich, dem Grundſatz der ſozialen Gleichheit dei den Wohnungen 


kotz der verſchiedenen Lage derſelben dadurch näher zu kommen, daß die Verloſung aller 
Wohnungen künftig von Vierteljahr zu Vierteljahr erneuert wird. Die Möglichkeit, eine 
Wohnung in der Beletage nach der Straße zu erlangen, erwächſt auf dieſe Weiſe für Jeder⸗ 
mann mit jedem Quarial aufs Neue (Heiterkeit links. Vereinzelter Beifall rechts.) 
Ebenſo ſollen künftig für Jedermann nach Stoff, Farbe und Schnitt im Voraus ge 
aan beſtimmte Rieidungsitüde hergeſtellt und mit genau vorgeſchriebener Tr agezeit verabfolg 


e 


— 40 — 


werden. (Abgeordnete Fran Reichskanzler: Niemals, niemals! Aenßerungen des 
Widerſpruchs auch bei den auf den Tribünen anweſenden Damen.) 

Präfident: Es iſt nicht geſtattet, von den Tribünen Zeichen des Beifalls oder Miks 
fallend & geben. 

Neichskanzler fortſahrend: Ich bitte mich nicht mißzuverſtehen. Die Gleichheit der 
Kleidung ſoll nicht ſoweit gehen, alle Verſchiedenhelten auszuſchließen. Im Gegenteil wollen 
wir ſogar verſchiedene Abzeichen vorſchlagen, um die Damen und Herren der verſchiedenen 
Provinzen, Orte, Berufskreiſe u. f. w. äußerlich erkennbar zu machen. Dadurch wird auch 
die Ueberſicht und Auſſicht über die einzelnen Perſonen für die Kontrolbeamten des Staates 
tanz außerordentlich erleichtert werden. (Hört, hört! links.) Infolge deſſen braucht die Ver⸗ 
mehrung der Auſſichtsbeamten, künftig je Einer auf 30 ftatt bisher auf 50 Perſonen, nicht 
fo groß zu werden, wie es ſonſt der Fall fein würde, um in unſerm Staat, der in Wahrheit 
alsdann ein Ordnungsſtaat ſonder Gleichen fein wird, (Ruf links: Zwangsſtaat. Der Prä⸗ 
ſident klingelt und bittet um Ruhe.), die ſtrenge Befolgung aller Geſetze und Verordnungen 
zu ſichern, welche nunmehr in Bezug auf die Morgen⸗ und Abendmahlzeiten, die Kleidung 

und Wohnung erforderlich werden. 
ö Dies unſer Programm! Sind Sie damit einverſtanden, fo hoffen wir durch energiſche 
Ausführung des ſelben nicht nur alsbald das Defizit in unſerm Volkshaus halt zu beſeitigen, 
fondern auch unſer Volk auf dem Boden der fozialen Gleichheit in dem Maße zum Wohl⸗ 
leben und zur Glückſeligkeit emporzuführen, wie es nach und nach gelingt, die böſen Nach⸗ 
wirkungen der früheren Geſellſchaft auf die moraliſchen Eiganfchaften der Bevölkerung zu 
überwinden. (Beifall rechts. Lebhaftes, wiederholtes Ziſchen links.) ö 

. Präſident: Es dürfte ſich empfehlen, wie mir mehrſach mitgeteilt iſt, vor Eintritt 
im bie Diskuſſion über den Vortrag des Herrn Reichskanzlers den Mitgliedern des Hauſes 
Gelegenheit zu geben, kurze Anfragen an den Herrn Reichskanzler zu richten, fofern in dem 
dargelegten Programm des ſelben dem einen oder dem andern noch dieſes oder jenes unklar 
oder unvollſtändig erscheinen ſollte. 

Neichskanzler: Ich bin gern bereit, alle an mich gerichteten Anfragen fofort zu 
beantworten. . 

Ein Abgeordneter der Regierungspartei erſucht den Herrn Reichskanzler, ſich 
noch zu äußern in Bezug auf die künftige Beſchaffenheit der Frühſtücks⸗ und Abendmahl⸗ 

kinn ſowie darüber, ob die vorgeſchlagenen Maßnahmen eine Rückwirkung üben auf die 
inrichtung der Geldzertifikate. N " 

Reichskanzler: Ich bin dem verehrten Herrn Abgeordneten dankbar dafür, daß 
‘er mich auf einige Unterlaſſungen in meinem Vortrage aufmerkſam gemacht hat. Die tägliche 
Brotportion für erwachſene Perſonen ſoll künftig eine Einſchränkung von 700 auf 500 Gr. er⸗ 
fahren, um eine Ueberlaſtung der Verdauungsorgane zu verhüten. Das Stärkemehl, wie es in 
großen Mengen im Schwarzbrot vorkommt, tritt erfahrungsgemäß leicht in einen ſauren 
Gährungsprozeß, welcher oft Darmkatarrh und Diarrhoe veranlaßt. Abgeſehen von der 
Brotportion, welche für den geſamten Tagesbedarf beſtimmt⸗ iſt, ſollen für das Frühſtück 
verwandt werden für jede erwachſene Perſon 10 Gr. ungebrannten Kaffees und ein Deciliter 
abgeſahnter Mich. Hieraus iſt je eine Portion von ½ Liter berzuftellen. Wir glauben, daß 
bel ſolcher Zuſemmenſetzung einer aufregenden und ſchädlichen Erhitzung durch den Kaffeege⸗ 
nuß hinreichend vorgebeugt iſt (Heiterkeit links). 

Abends werden wir ¼ Liter Suppe an jede erwachſene Perſon verabreichen laſſen, 
und zwar abwechſelnd Mehlſuppe, Haſergrütz⸗, Reis⸗, Brotſuppe, Kartoffelſuppe; mitunter 
ſoll an die Stelle dieſer Suppe ½ Liter abgeſahnter Milch treten. An den drei böchſten 
politiſchen Feſttagen, den Geburtstagen von Bebel, Laſſalle und Liebknecht, werden Mittags , 
250 Gr. Fleiſch und ½ Liter Bier verabreicht. 25 

Ich habe vorher noch vergeſſen, mitzuteilen, daß einmal in jeder Woche zu der etats⸗ 
mäßig mit 50 Gr. gefetteten Mittagskoſt oder zur Abendmahlzeit ein Hering verabreicht, 
werden ſoll. 0 . 

Uederall handelt es ſich hier um Vorſch läge, welche noch Ihrer Genehmigung bedürfen. 
Indem wir aber dergeſtalt die Volksernährung auf einfache und natürliche Grundfätze zu⸗ 
rüdiuhren, erlangen wir die Möglichkeit, alle teureren uud koſtſpieligeren Nahrungsmittel , 
und chetränke, welche wir bisher produzirt haben, wie beiſpielsweiſe feineres Gemüſe, Wilde 
bprei. Geflügel, feltene Fiſche, Schinken, Weine, foweit dieſe Produktion künftig Überhaupt 
noch iatifindet, in das Ausland abzuſetzen. Damit hoffen wir denk in den Stand geſetzt zu 
werden, diejenigen notwendigen Lebens mittel, welche wir aus dem Auslande zur Innehaltung 
des bei riebenen Speiſeetats bedürfen, mie ins beſondere Brotgetreide und Kaffee, begleichen . 
„innen. a a 


— 41 — 


Was die Geldzertiſikate anbetrifft, fo wird Ihnen einleuchten, daß die größere Aus 
dezmung der Naturallieferungen eine entſprechende Einſchränkung der auf eine Geld ſumme 
lautenden Kupons zur Folge haben muß. Wir beabſichtigen auch noch, das erforderliche 

tz und Beleuchtungs material für jedes Wohngelaß künftig in natura in @emäßhelt eines 
ſtimmten Etats zu liefern. Ebenſo ſollen die Centralwaſchanſtalten künftig die Wäſche, 
natärlich tunerhalb gewiſſer feſtgeſetzter Maximalgrenzen, unentgeltlich beſorgen. 

Unter ſolchen Berhältniſſen, glauben wir, dürfte für Extra⸗Speiſen und ⸗Getränke, für 
Tabak, Seife, Anſchaffung von Privatkleidung sſtücken, kleinen Inventarſtücken, Reifen, Wer 
gnũ gung en, kurzum für alles, was ſonſt nach das Herz begehrt, eine Geldanweiſung auf 
1 Mi für je 10 Tage an jede erwachſene Perſon des Richtige treffen (Heiterkeit links). Die 
Bersvendung dieſer Mark ſoll nicht den mindeſten Einſchräukungen oder Kontrollen von 
Seiten der Geſellſchaft unterliegen. Sie ersehen auch daraus, daß wir weit entfernt find, 
dem inbividualiſtiſchen Belieben feinen wirklich berechtigten Spielraum einſchränken zu wollen. 

Ein Abgeordneter der Freiheitspartei richtet an den Reichskanzler die Frage, wie 
mau nach einer Ausdehnung des Maximalarbeitstages auf 12 Stunden einer daraus folgen- 
den größeren Läſſigkeit in Erfüllung der Arbeitspflicht zu begegnen gedenke und welche 
Stellung die Reichs reglerung einnebme zur Frage der Volksbermehrung. N 

Reichskanzler: In Bezug auf Vergehen gegen die Arbeitspflicht dürfte allerdings 
die Ausdehnung des Arbeitstages eine Bervollitändigung des Syſtems der Strafarten not- 
wendig machen durch Einführung der Entziehung des Beitlagers, des Dunkelarreſtes, des 
Lattenarreſts und für Wiederholungsfälle auch der Prügelſtrafe. (Pfuirufe von der Tribüna) 

Der Präſident droht, wenn trotz feiner Warnungen nochmals Kundgebungen von 
der Tribüne erfolgen, dieſelbe ſofort räumen) zulaſſen.) 

Ich bitte mich nicht mißzuverſtehen, wir werden in Bezug auf die Prügelſtraſe nicht 
empfehlen, über 30 Streiche hinauszugehen. Es kommt uns nur darauf an, das ſozial⸗ 
demokratiſche Bewußtſein der Arbeitspflicht auch in körperlich Widerſtrebenden auf dieſe 
Weiſe zum Durchbruch zu bringen. a 

Hinſichtlich der Regulirung der Volksvermehrung halten wir im Prinzip an dem 
Bebelſchen Grundſatz feſt, daß unſer Staat jedes Kind als einen willkommenen Zuwachs der 
Sozialdemokratie be trachtet. (Beifall rechts.) Allerdings muß auch dies feine Grenzen 
haben, und können wir nicht dulden, daß eine zu weit gehende Volksvermehrung das Cleich⸗ 
gewicht im Volkshaushalt wieder in Frage ſtellt, nachdem es durch die vorgeſchlagenen 
Maßregeln demnächſt erzielt fein wird. Es dürfte indeſſen, wie wir Ihnen in der Budget- 
lommiſſion noch näher klar zu machen hoffen, entſprechend den von Bebel ſchon früher im 
dankenswerter Weiſe gegebenen Fingerzeigen möglich ſein, die Bevölkerungszahl durch die 
Nährweiſe in erheblichem Maße zu reguliren. Denn wie Bebel ebenfo ſchön als treffend 
tagt, der Sozialismus iſt die mit klarem Bewußtfein in voller Erkenntnis auf alle Gebiete 
menſchlicher Tätigkeit angewandte Wiſſenſchaft (Lebhafte: Beifall rechts.) 

Präsident: Da weiter keine Fragen an den Herrn Reichskanzler geftellt werden, fe 
können wir nunmehr geſchäftsordnungsmäßig in die Diskuſſion ſelbſt eintreten. Ich werde 
den Rednern der beiden großen Parteien zur Rechten und zur Linken abwechſelnd das Wort 
erteilen und mit der linken Seite beginnen. Das Wort hat der Herr 

Abgeordnete für Hagen: Mich gelüſtet es durchaus nicht, den Herrn Reichskanzler 
nach Einzelheiten ſeines Programms zu fragen, denn was wir jetzt ſchon in der Praxis 
von den Früchten der ſozialdemokratiſchen ſogenannten Ordnung vor uns feben und nach 
den bisberigen Ankündigungen des geehrten Herrn demnächſt noch zu erwarten haben, iſt 
ſchon überreichlich, um die Seele mit Widerwillen und Abſcheu zu erfüllen gegen diejenigen 
Buftände, welche uns die Sozialdemokratie in Deutſchland gebracht hat. (Große Unruhe 
rechts, lebhafter Beifall links). Allerdings die grauenhafte Wirklichkeit übertrifft ſelbſt das⸗ 
jenige, was als Folge einer Verwirklichung des ſozialdemokratiſchen Programms ein frühes: 
Abgeordneter meines Wahltreifes vorausgeſehen hat. (Rufe rechts: Aha, der „Irrlehren⸗ 
mann“, der „Sozialiſtentöter!“) Ich ſehe, die Herren auf der rechten Seite haben die Schrift 
des verſtorbenen Abgeordneten Eugen Richter über „die Irrlehren der Sozialdemokratie“ 
noch immer nicht verwinden können *). 

Hätten Sie ſich nur damals aus Ihren Irrlehren heraus zu Haren Begriffen über 
den Zuſammenhang der wirtſchaſtlichen Dinge zu erheben vermocht! Das Jahres deſizit vom 
12 Milliarden, vor dem Sie jetzt ſtehen, bedeutet die Bankerotterklärung der Sezialdemskratle. 


6) Offenbar iſt hier gemeint die Ende 1890 in einer Auflage von 80 000 Exemplaren 
erſchlenene Schrift des Abgeordneten Engen Richter über „Die Irrlehren der Sozialdemokratie“ 
Berlin SW., Bimmerlir. 8, Expedition der „Iteiſinnigen Zeitung“, Preis 50 Pfg. 


— 2 — 


(Oreher Lärnı rechtes.) Sie, Herr Reichskanzler, verhüllen nur den Thatbeſtand, wenn Sie 
das Milliardendeſizit verſuchen in erſter Reihe den Feinden der Sozialdemokratie zur Laſt 
legen. N 
1 160 Allerdings ftarrt Deutſchland jetzt von Soldaten und Polizeibeamten, wie wie zuvor. 
Wenn aber in der Sozialdemokratie alle Lebensverhältniſſe nach Innen und nach Außen 
der Elnwirkung des Staates unterſtellt werden, fo müſſen Sie auch die dazu gehörigen 
Balftreder der Staatsgewalt in den Kauf nehmen Es iſt richtig, unſer Außenhandel liegt 
Hägl ich darnieder, aber was anders iſt daran Schuld, als die Umgeſtaltung der Produktion 
und Konſumtion bei uns und in den ſozialdemokiatiſchen Nachbarländern! 
Doch alles dies reicht ja nicht aus, das Mill iardendefizit auch nur zu einem Viertel 

u eiflären. Der Herr Reichskanzler will das Defizit teilweiſe aus der Verkürzung der 

rbeitszeit herleiten. Aber die Arbeitszeit währte vor der Umwälzung durchſchnittlich noch 
nicht 10 Stunden und würde dei einer ruhigen, friedlichen Fortentwicklung ohne Schädigung 
der Produktion von ſelbſt eine allmähliche Verkürzung erfahren haben. Nicht ſo ſehr der 
Beitumfang der Arbeit, als die Verſchlechte rung derſelben, mit einem Wort, die jetzt überall 
eingeriſſene Faullenzerei (Oho! rechts) trägt die Schuld an dem Rückgang der Produktion. 
Die Arbeit wird jetzt wieder, wie. in früheren Jahr hunderten, nur als Frohndienſt, als 
Sklavendienſt betrachtet. Der gleiche Lohn für verſchledene Leiſtung, die Ausſichtsloſigkeit, 
durch Fleiß und Geſchicklichkeit zu einer, Verbeſſerung der eigenen Verhältniſſe gelangen zu 
knnen, alles dies wirkt zerſtörend auf Arbeitsluſt und Arbeitskraft. 

0 Auch des halb iſt die Arbeit nicht mehr fo produktiv, wie früher, weil mit dem 
privaten Unternehmer jener ſorgſame Leiter der Arbeit fehlt, der eine Vergeudung von 
Material und Kräften verhindert und die Produktion den Bedürfniſſen und der Nachfrage 
anpaßt. Ihren Betriebs leitern fehlt jedes eigene Intereſſe, fehlt die Aufſtachelung, welche 
rüher auch dort, wo Staatsbetriebe beſtanden, die Konkurrenz der Privaten mit ſich brachte. 
hnen predigt jetzt das Milliardendefizit, daß der Unternehmer kein Ausbeuter und auch 
keine überflüſſige Drohne war, und daß ſelbſt fleißige Arbeit, wenn ſie nicht zweckentſprechend aus⸗ 
geführt wird, Kraft⸗ und Stoffvergeudung ſein kann. Auch der Großbetrieb, wie Sie 
ihn ſchablonenmäßig überall eingeführt haben, ſelbſt dort, wohin er garnicht paßt, beein 
trüchtigt den Ueberſchuß der Produktion. N 
Wohin ſind wir geraten? In dem Beſtreben, die Nachteile der ſozialdemokratiſchen 

Produktionsweiſe auszugleichen, kommen Sie zu Beſchränkungen der perſönlichen 
und wirtſchaftlichen Freiheit, welche Deutſchland nur noch als ein einziges 
roßes Zucht haus erſcheinen laſſen. (Großer Lärm rechts, Beifall links und auf den 

ribünen Der Präſident droht, bei weiteren Kundgebungen der Tribünen dieſelben 
ſoſort räumen zu laſſen.) Gleiche Arbeitspflicht, gleiche Arbeitszeit, zwangsweiſe Zu⸗ 
teilung zu beſtimmten Arbeiten, dergleichen kannten wir früher nur in den Straf⸗ 
anſtalten. Selbſt dort aber gönnte man dem fleißigen und geſchicktn Arbeiter. 
noch einen Extraverdienſt. Gleich den Gefängniszellen in Strafanſtalten werden die 
Wohnungen jetzt den Einzelnen angewieſen. Das fiskaliſche Inventar, welches hinzukommen 
ol, wird die Aehnlichkeit noch ſteigern. Die Familien find auseinandergeriſſen. Müßten 
Sie vicht das Aus ſterben der Sozialdemokratie befürchten, Sie würden Mann und Frau 
vollends von einander trennen, wie in den Geflüngniſſen. 

Ebenſo wie zur Arbeit, fo hat in dieſer ſozialdemokratiſchen Geſellſchaft Jedermann 
zur vorgeſchriebenen Ernährung in den dafür beſtimmten Tageszeiten anzutreten. Plötzenſee 
rief ich mit Recht, als der Herr Reichskanzler feinen Küchenzettel beſchrieb. Der Küchen⸗ 
zeitel in dieſer Strafanftalt iſt ſeinerzeit vielleicht beſſer, jedenfalls nicht ſchlechter geweſen. 
Damit die Aehnlichkeit mit den Strafanſtalten vollſtändig wird, kommt nunmehr auch der 
leiche Anzug hinzu. Auſſeher haben wir ja ſchon in den Kontroleuren, auch Schildwachen, 

lche das Entweichen der zur Sozialdemokratie Verurteilten über die Grenze verhüten. In 
uniern Zuchthäuſern befand nur ein zehnſtündiger, nicht ein zwölſſtündiger Maximalarbeits⸗ 
tag. Die Prügelſtrafe, welche Sie zur Durchführung dieſes zwölſſtündigen Normalarbeits⸗ 
tages jetzt einzuführen genötigt find, wurde ſeinerzeit ſelbſt in manchen Zuchthäuſern für 
entbehrlich ange ſehen. Aber im Zuchthaus war menigſtens eine Begnadigung möglich, welche 
auch für lebenslänglich Eingeſperrte den Weg zur Freibeit öffnen konnte. Ihrem ſozial⸗ 
demskratiſchen Zuchthaus aber iſt man lebenslänglich verfallen, da führt nichts hinaus als 
Seibſtentleibung. (Bewegung.) 

Sie ſuchen alles dies aus Uebergangsverhältniſſen zu erklären. Mit nichten, die Zuſtän de 
werden immer ſchlimmer werden, je länger die Sozialdemokratie die Herrschaft führt. Sie 
daben erſt die oberſten Stufen zurückgelegt, welche zum Abgrunde führen. Noch erhellt Sie 
zue Licht des Tages, von weichem Sie ſich abwenden. Alle Bildung, alle Uebung, alle 


Beichidlichtet für die Arbeit verdanken Sie noch den früheren Zuſtänden. In den ſoztal⸗ 
demokratiſchen Bildungsanſtalten aber verlottert jetzt die Jugend, nicht weil es ihr an Zett 
und Bildungsmitteln gebricht, ſondern weil dem einzelnen das Intereſſe fehlt, ſich ſolche 
Bildung auch anzueignen als Bedingung für das ſpätere Fortkommen. 

Sie leben noch von dem Bildungs kapital und ebenſo von dem wirtſchaftlichen Kapital, 
welches Ihnen aus der früheren Ordnung überkommen iſt. Sie vermögen aber jetzt nichts mehr 
zu erübrigen für neue wirtschaftliche Anlagen, Berbefierungen, Wege, Gebäude u. |. w. Im 
Gegenteil, Sie laſſen das Vorhandene verfallen, Ihnen fehlen die Mittel dazu, weil Sie mit 
dem Unternehmergewinn auch den Zins anſpruch beſeitigt haben, welcher früher die 
Privaten veranlaßte, forigeſetzt neues Kapital zu bilden. 

Jeder wirtſchaftliche und wiffenſchafeliche Fortſchritt hat mit der Beſeitigung ber 
treien Konkurrenz aufgehört. Das Eigenintereſſe forderte früher den Scharfſinn und 


die Erfindungsgabe jedes einzelnen heraus, aber der Wetteiler vieler Gleichſtrebenden zwang 


die Frucht der eigenen Anſtrengungen wieder der Allgemeinheit zu Gute kommen zu laſſen. 

Alle Vorſchläge des Herrn Reichskanzlers decken das dorfandene 12 Milltardendefizit 
jo wenig, wie ſolche Organiſation der Produktion und Konſumtlon ſeinerzeit in den Zucht⸗ 
hänſern im Stande war, auch nur den dritten Teil der laufenden Koſten dieſer Anſtalten 
zu decken. Bald werden Sie wieder trotz des Programms des Reichkanzlers vor einem 
neuen und zwar noch größeren Defizit ſtehen. Darum freuen Sie ſich nicht allzu ſehr über 
alle Geburten als einen Zuwachs für die Sozialdemokratie. Im Gegenteil, denken Sie 
darüber nach, wie Sie eine Verminderung der Bevölkerung von oben herab regultren. 
Selbſt in der kümmerlichey Weiſe, wie es der Herr Reichskanzler jetzt in Ausſicht zu 
nehmen gezwungen iſt, vermag Deutſchland auf der Grundlage Ihrer Geſellſchaftsordnung 
nur eine dünne und ſpärliche Bevölkerung dauernd zu erhalten. Für die fozlaldemos 
kratiſchen Nachbarſtaaten gilt dasſelbe. Das eherne Geſetz der Selbſterhaltung wird die 
Sozialdemokratie daher hüben und drüben nötigen, ſich gegenſeitig totzuſchlagen, bis der⸗ 
jenige Ueberſchuß von Menſchen vertilgt iſt, der nur bei einem Kulturleben, wie Sie es mit 
der früheren Geſellſchaftsordnung zerſtört haben, in Europa lebensfähig iſt. ö 

Bis jetzt iſt meines Wiſſens die Hoffnung Bebels, die Wüſte Sahara durch Be⸗ 
wäſſerung in üppige Ländereien umzuwandeln und den Ueberſchuß der europäiſchen 
Sozialdemokratie dorthin abzugeben, noch in keiner Weiſe ihrer Erfüllung näher gerückt. 
Ebenſowenig dürfte die Neigung unter Ihren für Deutſchland überflüſſigen Genoſſen ſehr 
verbreitet fein, im Norden von Norwegen und Sibirien ſich anzuſiedeln, wie dies feiner 
Zeit Herr Bebel die Güte hatte für die ſozlaldemokratiſche Uebervölkerung in Ausſicht zu 
nehmen. (Heiterkeit links.) N 

Ob auf dem jetzt beſchrittenen Wege zum Untergang unſeres Volkes noch ein Auf⸗ 
enthalt möglich iſt, ich weiß es nicht Viele Milliarden an Werten hat die Umwälzung ſchon 
Fer Milliarden müßten weiter geopfert werden, um die jetzt vorhandene Desorganiſation 

Volks wirtſchaft wieder zu beſeitigen. 

Wäbrend wir im alten Europa derart Dank Ihren Beſtrebungen dem Untergang ent⸗ 
gegentreiben, erhebt ſich jenſeits des Meeres immer wohlhabender und mächtiger ein Gemein⸗ 
weſen, das auf dem Privateigentum und der freien Konkurrenz beruht und deſſen Bürger 
ſich niemals ernſthaft von den Irrlehren der Sozialdemokratie haben beſtricken laſſen. 

Jeder Tag der Verzögerung in der Befreiung unſeres Vaterlandes von dieſer unſeligen 
Berirrung der Geiſter führt uns dem Abgrunde näher. Darum nieder mit dem ſozial⸗ 
demokratiſchen Zuchthausſtaat, es jebe die Freiheit! (Stürmiſcher Beifall auf 
der linken Seite und auf den Tribünch, lebhaftes Ziſchen und große Unruhe auf der 
rechten Seite.) N 

Der Prüſident ruft den Redner wegen der Aeußerungen am Schluß feiner Rede 

Drnounen und befiehlt, in Anbetracht der wiederholten Kundgebungen, die Räumung 
ibünen, 


Ju Folge Räumung der Tribünen, welche mit nicht geringen Schwierigfeiten 
erfolgte, mußte auch ich vom Platze weichen und kann deshalb über den weiteren 
Verlauf der Sitzung nicht berichten. Indeſſen verfügt die Regierung bei unſeren 
Zuſtänden dekauntlich über eine ihr ſklaviſch ergebene Reichstagsmehrheit, ſodaß die 
Annahme der vom Reichskanzler angekündigten Vorlagen von vornherein keinem 
Zweifel unterliegt. Auch die Erregung der Gattin des Reichskanzlers über die von 
tbrem Gemahl angekündigte neue Kleiderordnung vermag daran nichts zu ändern. 


2 


— 4 


30. Strike in Sicht. 

Das nene Programm des Reichskanzlers zur Deckung des Mi Tiardendeſtzitz 
iſt in Berlin faſt überall nur mit Hohn und Spott aufgenommen worden. Was 
daraus weiter folgt, vermag Niemand abzuſehen. Schon lange beſtand eine beſondere 
Gährung unter den Metallarbeitern, insbeſondere auch unter den Maſchinenbauern. 
Sie rühmen ſich, bei der großen Umwälzung das Beſte gethan zu haben, und 
behaupten jetzt, um die Erfüllung der Verſprechungen, welche die Sozialdemokratie 

nen früher gemacht, ſchmählich geprellt zu ſein. Man hat ihnen allerdings 

der großen Umwälzung ſtets „den vollen Ertrag ihrer Arbeit“ verſprochen. 

Ausdrücklich und wiederholt, fo jagen fie, hat dies Schwarz auf Weiß im „Vorwärts 
geſtanden. Nun aber erhalten ſie nur dieſelben Arbeitslöhne wie alle andern. 

Wenn man den vollen Wert der aus ihren Werkſtätten hervorgegangenen 
Fabrikate und Maſchinen auf fie verteilte, nach Abzug der Koſten der Rohſtoffe und 
Shale fo fagen fie, gebühre ihnen ein Vielfaches von dem, was fie jetzt 
erhalten. 
Vergebens hat der „Vorwärts“ ihnen ihre Auffaſſung als Mißverſtändnis 
auszureden verſucht. Die Sozialdemokratie hätte, ſo meint jetzt der „Vorwärts“, 
nicht den Arbeitern jedes einzelnen Berufs den vollen Ertrag ihrer beſonderen 
Berufsarbeit verſprochen, ſondern nur der Geſamtheit aller Arbeiter den vollen 
Ertrag der Arbeit des ganzen Volkes. Was aus den Werkſtätten der Metall⸗ 
arbeiter hervorgeht, entſtehe doch nicht bloß durch Menſchenarbeit, ſondern auch 
durch Mitwirkung vieler koſtſpieligen Maſchinen und Werkzeuge. Große Gebäude 
und Betriebsmittel find dazu erforderlich. Alles dies iſt doch nicht durch die zur 
Zeit in dieſen Werkſtätten thätigen Arbeiter geſchaffen worden. Dafür, daß die 
Geſellſchaft dieſes geſamte Anlage⸗ und Betriebskapital ſtellt, gebührt ihr auch 
aus dem Arbeitsertrage dasjenige, was nach Auszahlung der für alle Arbeiter 
in der Geſamtheit gleichen Löhne an die einzelnen übrig bleibt. 

Das will nun den Eiſenarbeitern nicht in den Sinn. Sie meinen, daß, wenn 
jetzt der Staat oder die Geſellſchaft diejenigen Dividenden ſchluckt, welche früher 
die Aktionäre ihrer Anlagen bezogen für Hergabe des Kapitals, ſo ſei dies für ſie 
„Hoſe wie Jacke“. Dafür hätte es nicht gelohnt, die große Revolution zu machen. 

Seitdem nun die Ausdehnung der Arbeitspflicht auf täglich 12 Stunden in 
Sicht gekommen, ſind die Eiſenarbeiter noch erbitterter. Täglich 12 Stunden am 
Feuer und an Metall arbeiten iſt doch etwas ganz anderes, als 12 Stunden im 


Laden auf Kunden lauern oder Kinder warten. 


| Kurz und gut, fie verlangen den „vollen Arbeitsertrag“ in ihrem Sinne, und 
war bei höchſtens 10 ſtündiger Arbeitszeit. Zur Nachtzeit haben ſchon große Vers 
ſammuungen der Metallarbeiter in der Jungfernheide und in der Wuhlheide ſtattge⸗ 
funden, um die gewaltſame Durchführung ihrer Forderungen zu beraten. Man 
ſpricht von einer bevorſtehenden Arbeitseinſtellung der 40 000 Metallarbeiter und 
Ma ſchinenbauer, die in Berlin thätig ſind. 


31. Proßnoten des Auslandes. 


Auch in Rußland und Frankreich wiſſen die ſozialdemokratiſchen Regierungen 
der inneren Schwierigkeiten nicht Herr zu werden. Sie ſuchen deshalb den Unmut 
ihrer Bevölkerung nach außen abzulenken. Der Dreibund iſt von den ſozialde⸗ 
mokratiſchen Regierungen ſogleich aufgelöſt worden. Augenblicklich wird Oeſterreich⸗ 
Ungarn von Italien in Iſtrien und Wälſchtirol bedroht. Dieſer Zeitpunkt erſcheint 
Frankreich und Rußland günſtig, um gegen Deutſchland vorzugehen. Beide Staaten 
haben an unſer auswärtiges Amt gleichlautende Noten gerichtet, in denen binnen 
10 Tagen Bezahlung der aufgelaufenen Warenſchulden Deutſchlands verlangt wird. 

Wie kommt denn Frankreich dazu? Wir haben doch im Grunde genommen 
uurmoch Weinſchulden an dasſelbe für einige Millionen Flaſchen Champagner, welche 


f 


— 5 — 


iu erſten Frendenrauſch nach der großen Umwälzung und vot der ſtaatlichen Regelung 
der Konſumtion bei uns vertrunfen worden find. Aber Rußland hat hinterliſtiger 
Weiſe einen Teil feiner Forderungen an uns an Frankreich cedirt, um eine Grund⸗ 
lage zu ſchaffen für ein gemeinſames Vorgehen. Unſere Schulden an Rußland find 
jetzt allerdings bis über eine Milliarde Mark aufgelaufen, obgleich wir nur die auch 
früher ſtatigefundene Lieferung von Getreide, Holz, Flachs, Fer, u. |. mr bezogen 
haben, weil wir alles dies zu unſerem Volksunterhalt abſolut nicht entbehren können. 
Die Fabrikate, welche wir ſonſt an Rußland und Frankreich zum Ausgleich lieferten, 
find in der letzten Zeit faft ſämtlich als angeblich mangelhaft und nicht preiswürdig 
dort zurückgewieſen worden. Früher hätte man den Ruſſen einfach die ruſſiſchen 
Papiere oder deren Kupons, von denen damals in Deutſchland genug vorhanden 
waren, in Zahlung geben können. Jetz: fehlen uns in Ermangelung von 2 ieren 
und Edelmetallen Ausgleichsmittel ſolcher Art. | 

Das willen unſere beiden braven Nachbarn auch ſehr wohl, und haben bes- 
halb in ihren Noten durchblicken laſſen, daß fie un Falle längeren Säumens in der 
Bezahlung der Schuld ſich genötigt ſehen würden, Teile von Poſen und Oſtpreußen 
ſowie Elſaß⸗Lothringen in Pfandbeſitz zu nehmen. Beide Staaten erklärten fich 
bereit, eventuell in Verhandlun en zu treten über Erlaß der Schulden, falls Deutſch⸗ 
land geneigt ſei, dieſe Landesteile endgiltig abzutreten. Iſt dies nicht eine beleidigende 
Frechheit ſondergleichen? ö 

In Deutſchland iſt an ausgebildeten Mannſchaften, Gewehren, Pulver und 
Blei kein Mangel. Alles dies iſt von dem früheren Regiment reichlich hinterlaſſen 
worden. Aber leider mangelt es in Folge des Rückgangs der Produktion und in 
Folge der Aufzehrung der Vorräte auf den Eiſenbahnen an Kohlen für die Militär⸗ 
transporte, während die Feſtungen und Feldintendanturen über Mangel an Fleiſch, 
Mehl und Hafer für den Unterhalt der Truppen klagen. N 

Inzwiſchen haben die Franzoſen das Großherzogtum Luxemburg annektirt. 
Dasſelbe iſt nach Auflöſung des Zollvereins ſozuſagen ins Freie gefallen. Die Miß⸗ 
ſtimmung über die Auflöſung der alten Handels beziehungen zu Deutſchland iſt von 
einer Partei im Lande benußt worden, um die Franzoſen herbeizurufen. Dieſelben 
find auch alsbald über Longwy eingerückt. Franzöſiſche Kavallerie iſt ſchon an der 

kıgemburgifch-deutfchen Grenze vor Trier geſehen worden. 


32. Maffenfirike und Kriegsausbruch zugleich. 


Alle Elſenarbeiter in Berlin und Umgegend ſtriken ſeit heute früh, nachdem 


Ihre Forderungen der Gewährung des „vollen Arbeitsertrages“ abgewleſen worden 
find. Die Regierung hat ſofort verfügt, allen Eiſenarbeitern die Mittagsmahlzeit und 
Abendmahlzeit zu ſperren. In allen Staatsküchen find die Beamten angewieſen, die 
Geldzertifikate der Eiſenarbeiter zurückzuweiſen. Dasſelbe gilt von allen Reſtaurgtionen 
und Verkaufsläden, in welchen die Eſenarbeiter beſtimmungsgemäß ihre Lebensmittel 
zu entnehmen haben. Die betreffenden Lokalitäten werden durch ſtarke Abteilungen 
der Schutzmannſchaft bewacht. Auf dieſe Weiſe hofft man die Strikenden in der 
klürzeſten Friſt auszuhungern, da diejenigen Brotkrumen und Speiſereſte, welche ihre 
Frauen und Freunde von der ihnen zustehenden Portion für ſie erübrigen können, 
nicht lange ausreichen dürften. ot 

Es kommt dazu, daß feit heute früh für die gefamte Bevölkerung die Brote 
rationen auf die Hälfte herabgeſetzt und die Fleiſchrationen gänzlich in Wegfall ge- 
bracht ſind. Man hofft dadurch noch ſoviel zu erübrigen, um die Grenzſeſtungen 
noch einigermaßen verproviantixen zu können. Denn inzwiſchen hat die ſogenaunte 
Auspfändung Deutſchlands ſchon begonnen. Franzöſiſche Kavallerie iſt aus dem 
Großherzogtum Luxemburg über die deutſche Grenze vorgedrungen, über die 
Moſel geſeßt und hat die Bahnlinien Trier⸗Diedenhoſen und Trier⸗Saarlouis unter⸗ 
brochen. Andere franzöſiſche Heereskörper ſind, geſtützt auf Longyon, Conflans, 
Bont-A-Mouſſon, Nancy und Lüneville über die lothringiſche Grenze vorgedrungen, 


* 


jr RER 


um Meß unb Diedenhofen zu belagern und einen Vorſtoß im der Nichtung au 
Mörchingen zu machen. Die beiden Feſtungen ſollen nur auf höchſtens 8 Tage mil 
Lebensmitteln verſehen ſein. Dasſelbe gilt von Königsberg, Thorn und Graudenz 
gegen welche ruffiiche Heeresſäulen, gleichfalls um die Auspfündung vorzunehmen 
in Anmarſch find. Es ſcheint zunächſt darauf abgeſehen zu ſein, Oſtpreußen gleich⸗ 
kin im Oſten und im Süden anzugreifen, um nach deſſen Beſetzung die öftliche 
ugriffslinie gegen Deutſchland zu verkürzen und daneben die Pferdeverſorgung der 
deutſchen Armee aus Oſtpreußen zu verhindern. Die Landwehr und der Landſturn 
in Oſtpreußen eilen an die Grenze. Aber leider ſtellt ſich heraus, daß es für die 
Landwehr und den Landſturm vielfach an den notwendigſten Kleidungsſtücken gebricht. 
Denn große Partien von Stiefeln und Unterkleidern ſind nach der Umwälzung in 
Folge unzureichender Produktion zur Deckung des Bedarfs der Civilbevölkerung 
verwendet worden. 
| Doch es wird mir unmöglich, dieſe Aufzeichnungen in ihrem bisherigen Umfang 
weiter fortzufegen Denn von morgen ab tritt die Verlängerung der Arbeitszen 
auf 12 Stunden in Kraft. Ich will daher dieſes Buch demnächſt abſchließen und 
an Franz und Agnes nach New⸗Dork alles Geſchriebene überſenden. Mögen dieſelben 
dies zur Erinnerung an mich und dieſe ſturmbewegte Zeit für Kind und Kindes- 
finder aufbewahren. Man behandelt mich auch jetzt derartig als polttiſch verdächtig 
Paper nicht mehr ſicher bin vor einer Hausſuchung und Beſchlagnahme meiner 


ere. . 
33. Die Gegenrevolution Beginnt. 


Die ſtrikenden Eiſenarbeiter wollen ſich nicht aushungern laſſen. Ich hatn 
meinen Schwiegervater im Schloß Bellevue beſucht, wo derſelbe ſich in der dort 
eingerichteten Altersverſorgungsanſtalt befindet. Da höre ich, daß Eiſenarbeiter, 
welche ſich in den ehemals Borſigſchen Werken verſammelt hatten, den Verſuch 
machen, das Brotmagazin zu ſtürmen, welches ſich Schloß Bellevue gegenüber am 
andern Ufer der Spree zwiſchen dieſer und dem Eiſenbahndamm befindet. Indeß 
alle Zugänge zu dem großen Platz, auf welchem fich die Proviantmagazine befinden, 
find geichloffen. Die Arbeiter wollen über die hohen Mauern klettern, da geben 
die Innern aufgeſtelltend Schutzmannspoſten Feuer und die Kletterer büßen 
das Wagnis mit dem Leben. 

Die Eifenarbeiter. erklettern nun den Eifenbahndamm, welcher Ausſicht 
auf das Innere des Platzes gewährt, auf dem ſich die zwiſchen dem Damm und 
der Spree liegenden Proviantgebäude befinden. Sie reißen die Schienen auf. durch⸗ 
ſchneiden die Telegraphendrähte; aber wiederum bedecken Tote und Verwundete den 
Platz infolge des ers der Schutzmannſchaft aus den Fenſtern und Luken der 
»Provpiantgebäude. 

Nun ſetzen ſich die Eiſenarbeiter in den oberen Stockwerken der hinter den 
Eiſenbahndamm liegenden Häuſer der Lüneburger Straße feſt. Aus den Fenſtern 
dieſer Häuſer einerſeits und der Proviantgebäude andererſeits entſpinnt ſich ein 
heftiges Feuergefecht. Die Minderzahl der Beſatzung der Proviantgebäude verfügt 
über beſſere Waffen und reichlichere Munition. N 

Neue Trupps der Eiſenbahnarbeiter verſuchen inzwiſchen von dem Helgoländer 
Ufer aus in die Umfaſſungsmauern des Platzes, auf welchem ſich die Proviant⸗ 
peoäube befinden, Breſche zu legen. Aber durch den Schloßgarten von Bellevue 

ſt inzwiſchen unbemerkt Verſtärkung der Schutzmannſchaft im Laufſchritt hinzuge⸗ 
kommen, hat die Fußgängerbrücke beſetzt, welche ſich gedeckt unter der Eiſenbahn⸗ 
brücke befindet, und von dort ein mörderiſches Feuer auf den größtenteils unbewaff⸗ 
neten Menſchenhaufen duf dent Helgoländer Ufer eröffnet. Unter furchtbaren 
Rachegeſchrei ſtiebt derſelbe auseinander, Knäuel von Toten und Verwundeten zurück⸗ 
laſſend. Jetzt heißt es, die Artillerie der Schutzmannſchaft ſei herbeigerufen worden 
um vom andern Spreeufer aus die Lüneburger Straße zu beſchießen. N 


* 


| 


Ich verlafle den Kiutigem Schauplatz, wu auf einem e durch den 
Tiergarten mich nach Berlin S. W. zu begeben. Ueberall ſtehen die Menſchen anf 
zeregt trmpprvelle beiſammen. In Berlin S. W. haben noch keine Gewaltthätig⸗ 
kiten ſtattgefunden, aber man hört, daß die Eiſenarbeiter in der Er ſtürmung der 
Beotmagnzine in Tempelhof und in der Köpenickerſtraße erfolgreicher geweſen ſind. 
Auch zahlreiche Gewehre und Munitionsvorräte, ſollen an verſchiedenen Stellen 
u ihre Hände gefallen ſein. Sicheres iſt nicht zu erfahren, aber man raunt ſich 
in, daß der Aufſtand auf dem rechten Spreeufer immer allgemeiner werde 

Die Schutzmannſchaft war in der letzten Zeit auf 30 000 Mann gebracht 
worden. Sie beſteht aus fanatiſchen Sozialdemokraten, welche man aus dem gan 
Reich ausgewählt hat. Auch iſt ihr zahlreiche Kavallerie und Artillerie beigege 
worden. Aber was werden die über ganz Berlin zerſtreuten Abteilungen vermögen, 
10 6 deb Bevölkerung von 2 Millionen wirklich allgemein an allen Ecken und Enden 
ch erhebt. 

Das rauchloſe Pulver erleichtert gegen früher das Niederſchleßen aus den 
Hinterhalt. Die jetzigen Schußwaffen kommen beſonders der gedeckten Stellung in 
den Häuſern zu ſtatten. . 

ortgeſetzt eilen durch S. W. Trupps von Schutzleuten zu Fuß im Laufſchrit 
und zu Pferde im Trab nach den Linden zu. Die bewaffnete Macht ſcheint in 
Berlin C. am Schloß und Unter den Linden zuſammengezogen zu werden. Wie 
wird das enden ? N ' 

Ich fand Großvatet bei meinem Beſuch recht ſtumpf und teilnahm In 
Ermangelung eines Familienkreiſes und einer anregenden Umgebung nebufen feine 
Geiſteskräfte reißend ab. Er erzählte mir mehrmals dasſelbe, that wiederholt 
Fragen nach Dingen, die ſchon beantwortet waren, und verwechſelte ſogar die Perſonen 
und Generationen in feiner Familie. Ein trauriges Alter 


34. Anheilvolſle Nachrichten. 

Der ſchlimmſte Tag meines Lebens! Ich habe meine Frau beſucht, ſie kaunte 
mich nicht mehr, redete irre. Ihr Gemütsleiden, die Folge des Todes von Annie 
und aller Aufregungen und Erſchütterungen dieſer Monate, hat, wie mir der Arzt 
ſagt, ſich als ein unheilbares herausgeſtellt. Sie leidet unter der Wahnvorſtellun 
ee be gen und ſoll noch heute hinausgebracht werden in eine Anita 

re. 


he 

Fünfundzwanzig Jahre lang haben wir Freud und Leid zuſammen ertragen 
und in innigſtem Gedanken⸗ und Herzensaustauſch gelebt. Vor mir zu ſehen die 
Genoſſin meines Lebens, das alte, liebe Geſicht, die treuen Augen, fremd und irre, 
es iſt ſchrecklicher, als durch den Tod getrennt zu werden! 

Draußen ſtürmt es von allen Seiten immer wilder. Doch was kümmert mich 
alles dies bei dem Seelenſchmerz in meinem Innern! Es ſollen in Oſtpreußen und 
Elſaß⸗Lothringen unglückliche Gefechte ſtattgefunden haben. Unſere Truppen haben 
nach angeſtrengteſten Fußmärſchen, ſchlecht genährt und mangelhaft bekleidet, troz 


aller Tapferkeit keinen nachhaltigen Widerſtand zu leiſten vermocht. Der Aufſtand 
in Berlin wird immer allgemeiner, er beherrſcht ſchon das ganze rechte Spreeufer 


und diesſeits die Stadtteile und Vororte jenſeits des Landwehrkanals. Aus der 
Provinz kommt den Aufſtändiſchen immer mehr Zuzug. Die Truppen ſollen teil 
weiſe zu denſelben übergegangen ſein. . | 

Die Revolution tft alſo über den Kreis der Eiſenarbeiter und ihrer beſonderen 
Forderungen ſogleich hmnausgewachſen. Sie gilt jetzt der Heſeitigung des ſozial demo⸗ 
kratiſchen Regiments. Auch ich muß mich verfluchen, daß ich jo viele Jahre hindurch 
dazu beigetragen habe, Zuſtände, wie wir fie in dieſen Monaten erlebt, heraufzube⸗ 
schwören. Ich that es aber nur, weil ich davon eine glücklichere Zukunft für Kinder 
und Kindeskinder erhoffte. Ich verſtand es nicht beſſer. Aber werden mir meine 
Sobre es je vergeben können, daß ich mitgewirkt zu den Ergignifien, deren Folgen 


8 


5 


vie Mutter und die Schweſter geraubt und unſer ganzes Familtenglück ver | 


(hen 
nichtet haben? 


Um jeden preis muß ich meinen Ernft ſptechen, mich brängt es zu Ihm, ich wil 


ihn warnen, ſich hinauszubegeben uuf die Straße, wozu ſolche junge Leute in der 
Aufregung der Tage nur zu leicht verſucht find. An freier Zeit, um die Erziehungs⸗ 
anſtalt zu beſuchen, fehlt es mir ja jetzt auch nicht mehr am Tage. Als politiſch 
Verdächtiger bin ich meines Poſtens als Kontroleur enthoben und zur nächtlichen 
Strube nm in gang verſetzt worden. Ob dort meine Arbeit nicht eine Blutarbeit 
werden wird i 


35. Letztes Kapitel. 


Herrn Buchdruckereifaktor Franz Schmidt, 
| Nemyorl. . 


y 
Mein teurer Bruder! Sei ſtark und faſſe Dich, denn ich habe Dir tram |" 
riges zu melden. Unſer guter Vater iſt nicht mehr. Auch er iſt ein unſchuldiges 


Opfer des großen Aufſtan des geworden, welcher ſeit Tagen Berlin durchtobte. 

ö Vater wollte mich in der Erziehungsanſtalt beſuchen, um mich vor der Be⸗ 
teiligung an Straßenaufläufen zu warnen. In der Nähe unſerer Anſtalt hatte vor⸗ 
her, was Vater offenbar nicht wußte, ein Gefecht mit der Schutzmannſchaft ſtattge⸗ 
funden. Ein Teil derſelben war in unſere Anſtalt geflüchtet. Die Gegner lagen im 
Hinterhall Wahrſcheinlich hat einer derſelben Vater für einen Sendboten der Re 
gierung gehalten. Ein Schuß aus einem Bodenfenſter traf ihn, und er verſchied auf 


der Straße nach wenigen Augenblicken. Es war furchtbar, als man den Toten in 


unſeren Hausflur brachte und ich den eigenen Vater erkannte. 


Er iſt ein Opfer ‚feiner väterlichen Fürſorge geworden. Um der Zukunft der 


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Seinigen willen war er Sozialdemokrat geworden, aber von feinen Irrtümern voll⸗ 


Rändig zurückgekommen. N 

Ueber den traurigen Zuſtand unſerer geliebten Mutter und über Großvater 
bat Vater Dir noch ſelbſt geſchrieben. In meinem jähen Schmerz und in meiner 
Berlaſſenheit biſt Du. geliebter Bruder, mein einziger Gedanke und meine Zuflucht. 
Wenn ich dieſen Brief aufgebe, habe ich die deutſche Örenge Schon hinter mir. Nach 
Holland zu ſoll dieſelbe ganz unbewacht fein. Dort kann ich von der Geldanweiſung, 
welche Du mir überſandteſt, Gebrauch machen. 

Hier geht alles drunter und drüber. An den Grenzen blutige Niederlagen, 
im Innern Anarchie und vollſtändige Auflöſung. Wie alles ſo gekommen, darüber 
bringe ich Dir die Aufzeichnungen vom Vater, welche er noch bis zum Tage ner 
feinen Tode fortgeführt. | 

In Trauer und Wehmut küßt Dich und Agnes | 
Dein verlaſſener 

Eruft. 


251,000 lare 
251,000 Exemplare 
wurden von ber Broschüre „Jhfialdemokraliſthr Zukunftsbilder“ Innerhalb 
per Jahren verkauft. Die Preſſe aller nichtſoztaliſtiſchen Parteien hat die Bros 


chüre zur weiteſten Verbreitung im Intereſſe der Bekämpfung der Irrlehren der Sozial⸗ 
demolratie lebhaft empfohlen. Organe der konſervativen Partei (z. B. die „Kreuz⸗ 
zeitung“), der freikonſervativen (z. B. die „Schleſiſche Zeitung“), der national⸗ 


zi beralen (z. B. die „Nationalzeitung“ und die „Kölniſche Zeitung“), der Centrums⸗ 
partei (z. B. die „Kölniſche Volkszeitung“ und die „Schleſiſche Volkszeitung“) ſtimmen 


mit der freiſinnigen Preſſe in der Empfehlung und günſtigen Beurteilung überein. 


Außer politiſchen Vereinen haben auch gewerbliche Vereinigungen (3. B. die 


Arbeitgeber im Herzogtum Anhalt), landwirtſchaftliche Vereine (z. B. im Herzog 
zum Braunſchweig), Gewerkvereine der Arbeiter, größere Parteien die Broſchüre 


zur Verbreitung bezogen. 


j 


Vierzig Zeitungen haben mit Zuſtimmung der „Fortſchritt⸗Aktiengeſellſchaft“ 


die „Sozialdemokratiſchen Zukunftsbilder“ als Feuilleton abgedruckt. Außerdem 


‘ind mehreren Zeitungen, wie der „Breslauer Morgenzeitung“, dem „Bremer Courier“ 


1 die Geſamtauflage Exemplare der „Sozialdemokratiſchen Zukunftsbilder“ beigelegt 
vorden. . 


zändiſche, Däniſche, Polniſche, Czechiſche und Norwegiſche find erfolgt. 
Größere Partien von hundert Exemplaren und mehr wurden u. a. in 
ol genden Orten verbreitet: N | | 


Altenburg 300, Aplerbeck 300, Apolda 100, Aſchersleben 110, Augsburg 100, 


Barmen 550, Bartenſtein 300, Berlin 19,500, Bernburg 400, Biebrich 500, Biele⸗ 
feld 350, Börlisdorf bei Oberlösnitz 100, Brandenburg a. H. 600, Brauns 
ſchweig 2000, Bremen 24,500, Bremerhaven 100, Breslau 1500, Brieg bei 


Zreslau 500, Bromberg 100, Buttſtädt 100, Calbe a. d. S. 120, Charlottenbrunn i. 5 


Schleſ. 100, Cöln a. Rh. 2150, Cottbus 100, Cronberg (Taunus) 100, Danzig 100, 


Darmſtadt 430, Deſſau 1050, Dortmund 100, Dresden 3000, Drieſen 200, Düſſel⸗ 
dorf 700, Duisburg 100, Ebersbach i. Sachſ. 400, Elberfeld 160, Elbing 100, El- 
sagien i. H. 100, Elmshorn 750, Erfurt 250, Eſchwege 500, Forſte i. Lauf. 100, 
Frankfurt a. M. 1300, Frankfurt a. O. 1000, Frauſtadt 100, Friedrichsberg b. 
Berlin 100, Gandersheim 200, Gardelegen 500, Gera 100, Geſtorf bei Benningſen 
00, Gießen 150, Görlitz 500, Gotha 8500, Guben 3500, Hagen 4500, Halber⸗ 
it a dt 1000, Halle a. d. S. 550, Hamburg 2650, Hanau 300, Hannover 300, Harz⸗ 
burg 100, Heidenheim 100, Herford 200, Hildesheim 500, Hirſchberg 200, Holzminden 


550, Homburg v. d. Höhe 100, Huſum 100, Ingolſtadt 100, Jauer 100, Itzeboe 


750, Kaiſerslautern 100, Ka ſſel 1050, Kempten (Bayern) 100, Kiel 600, Königs. 
i. Preuß. 100, Konſtanz 100, Kotzenburg i. M. 100, Kulmbach 300, Landsberg a. W. 
500, Leipzig 22,000, Leipzig⸗Reudnitz 400, Lennep 500, Leobſchütz 100, Leopoldshall 
200, Luckenwalde 100, Lübeck 3000, Lüdenſcheid 100, Lünen a. d. Lippe 120, 
Lüttringhauſen 300, Magdeburg 2800, Mainz 125, Mannheim 500, Merſeburg 
„00, Mühlhauſen 200, Mühlheim (Heſſen) 200, Mülheim a. Rh. 100, Mühlheim 
a. d. Donau 100, Müllroſe 100, München 910, München⸗Gladbach 1150, Naum 
burg a. d. S. 700, Neiße 1800, Neugersdorf i. S. 100, Neurode i. Schl. 500, 
Reu⸗Rppin 700, Neuſtadt i. Oberſchl. 200, Nordhauſen 200, Nürnberg 5000, 
Oberlangenbielau 100, Oels i. Schl. 100, Offenbach a. M. 650, Oldenburg (Groß⸗ 
herzogtum) 300, Oldesloe 100, Opladen 100, Oſchersleben 200, Osnabrück 200, 
Veitz 100, Plauen i. V. 300, Poſen 550, Rathenow 100, Recklinghauſen 100, Remſcheid 
500, Roßlau 100, Saarbrücken 200, Sangerhauſen 300, St. Johann a. d. S. 500, Schauen⸗ 
itein b. Obernkirchen 500, Schmalkalden 200, Mühle Schwetz 500, Sebnitz i. S. 100, 
Seeſen 100, Solingen 200, Sonneberg S.⸗M. 300, Sorau 500, Spremberg 100, Stade 
100, Stadtſulza 200, Stettin 3150, Straßburg i. E. 1200, Tangermünde 200, 


Tilſit 300, Torgelow 100, Trier 200, Varel 100, Waldenburg i. Schleſ. 100, Wendthöhe 
dei Stadthagen 200, Weißenfels i. Thür. 150, Weſſelburen 150, Wiesbaden 600, 


Witten 500, Wolgaſt 100, Worms 100, Würzburg 200, Zerbſt 100, Zittau 100. 


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Ueberſetzungen in das Engliſche, Fran zöſiſche, Italien iſche, Hol⸗